Das Meer ist die Delikatessenkammer des Wohllebens und der Garten der Armut, die sich das trockene Polentamahl mit in Öl gebratenen Sardellen würzt, den Tintenfisch im Topfe siedet, oder eine Art kleiner, den Asseln ähnlicher Krebse zum Abendbrote röstet.
Der stachelflossige, bläuliche Tunfisch, der oft zwei Meter lang und zentnerschwer wird, ist der Riese des Marktes; doch liefern Tintenfisch, Meeraale und plattgedrückte, schiefmäulige Brassen die größte Warenmasse.
Von wirklich feinem Geschmack und auch dem Gaumen des Binnenländers schmeichelnd sind indessen nur die blaue, goldig glänzende Makrele, eine schon bei den Römern hochgeschätzte Tafelzierde, und der Branzin, ein Brackwasserfisch, der in den furlanischen Lagunen häufig gefangen wird. Die Austern von Triest dagegen stehen den venetianischen im Wohlgeschmacke nach.
Ich habe den durchdringenden Fischgeruch der Halle und den Anblick der im Sterben liegenden, schnappenden, zuckenden, oft bei lebendigem Leib verstümmelten Flosser nie lange ertragen können. Ihr Fang und Verkauf enthält ein furchtbares Stück menschlicher Grausamkeit.
Am ruhigsten scheint das Geschlecht der gewaltigen Hummer und der langbeinigen Meerspinnen den Übergang aus der kühlen Salzflut in die warme Luft zu nehmen; denn sie führen, der gemeinsamen Not vergessend, einen letzten Scherenkampf.
Merkwürdigerweise ist der Handel mit den schönen Muscheln in Triest viel weniger zu Haus als in mancher Binnenstadt; denn außer ein paar durchaus gewöhnlichen Exemplaren in einer an die Fischhalle lehnenden Bude fand ich in den triestinischen Läden nichts käuflich. Allerdings sollen hie und da schöne private Sammlungen bestehen, und das Ferdinand-Maximilian-Museum enthält die zum Teil prachtvollen, farbenreichen Muscheln der südlichen Meere in seltener Vollständigkeit.
Östlich vom Hafenquai und südlich vom Bahnhof liegt die Neustadt. Der »große Kanal« dringt vom Hafen bis in den Hintergrund dieses Stadtteils und gestattet selbst Quersegelschiffen, unmittelbar bei den Magazinen zu löschen. Am Ende des Kanals steht St. Antonio nuovo, eine im Anfange dieses Jahrhunderts erbaute einschiffige Kirche mit hübschem Säulenportikus.
Romantische Gedanken läßt die Neustadt nicht aufkommen. Dazu sind ihre Häuser zu modern, ihre Straßen zu rechtwinklig, ihr Pflaster zu gut; die Nüchternheit der triestinischen Handelsleute ist in der Architektur dieses Quartiers zu ihrem entsprechenden Ausdruck gekommen.
Ich wüßte überhaupt keine Stadt von der Größe Triests, wo der Wanderer so unbeschwert von baulichen Merkwürdigkeiten und kunstgeschichtlichen Reminiszenzen seines Weges gehen könnte, wie in Triest. Es ist in dieser Hinsicht das Widerspiel Venedigs, dessen Kunstschätze es nicht zugleich mit dessen Handel geerbt hat. Das Wenige, was es an sehenswerten Gebäuden und Monumenten in der Tat besitzt, drängt sich im Süden der Neustadt um die gegen den Hafen offene »Piazza grande« zusammen.
Den Hintergrund dieses Platzes schließt die reichgegliederte Fassade des Munizipalpalastes, eines modernen Prachtbaues, würdig ab. Auf dem Dach desselben schlagen wie auf der Markuskirche zu Venedig zwei eherne Mohren die Stunden. Davor stehen ein im blühendsten Rokokostil gehaltener, mit vielen Figuren verzierter Springbrunnen und die Marmorstatue Kaiser Karls VI., des letzten Herrschers aus dem Mannesstamme der Habsburger, der mit ihm im Jahre 1736 ausgestorben ist.