Bedeutender noch ist das neue Gebäude, das sich im Süden des Platzes und angesichts des Hafens erhebt. Gleich ausgezeichnet durch seine einfache, edle Gliederung, wie durch seine monumentale Größe, ist es das prunkende Heim des österreichisch-ungarischen Lloyd, jener mächtigen Dampfschiffgesellschaft, die mit ihren gewaltigen Kapitalien und siebenzig in ihrem Dienst stehenden großen Meerdampfern nicht nur den Schiffsverkehr der Adria, sondern auch einen großen Teil des europäischen Handels nach der Levante und Indien beherrscht.
Im Norden der Piazza grande stehen das Stadttheater und das Tergesteum, der größte der triestinischen Paläste, von vier engen Gassen umzogen, ziemlich vergraben in den umgebenden Häusern. Sein Erdgeschoß bildet einen Bazar, wo man alles, was schön und teuer ist, kaufen kann.
Auf dem Vorplatze der alten Börse, eines im dorischen Stil gehaltenen Baues, steht auf hoher Säule das in Erz gegossene Standbild Leopolds I.
Als ich einen meiner Triestiner Bekannten fragte, wie der grausame Unterdrücker des Protestantismus in Ungarn zu der Ehre eines solchen Denkmals komme, lächelte er fein und sagte: »Die Ehre gilt im Grunde nicht dem Kaiser; sie gilt seinem genialen Feldherrn, dem Prinz Eugen, dem Sieger von Belgrad, und dem Starhemberg, dem Verteidiger Wiens in der Türkennot. Indem wir den Kaiser sehen, denken wir an seine Helden!«
Auf dem Börsenplatze beginnt die Via del Corso, die fashionable Straße von Triest, die, zu beiden Seiten mit großen, reichen Kaufläden besetzt, sich zur Piazza della Legna hinaufzieht. Auf ihren Trottoirs wandelt am Nachmittag die feine Triestiner Welt auf und ab.
An feiner Toilette, an Geschmack und an Luxus weicht der Triestiner keinem andern Städter der Welt. Selbst Paris hat keine feinern Ponies, keine zierlicheren Breaks als die jeunesse dorée der adriatischen Handelsstadt, und auf der Karosse des Grafen von Paris haben wie auf der Kutsche des Triestiner Baumwollbarons auch höchstens vier galonierte Lakeien, zwei hinten und zwei vorn, Platz. Viele Damen entstellt der Reispuder.
Man sieht unter den feinen Schichten der triestinischen Gesellschaft stets viele Armenier und Griechen, prächtige Gestalten mit kühn geschnittenen, ausdrucksvollen Gesichtern, während man die schönen Frauen dieses Volkes, das eine Aspasia, eine Laïs besaß, in Triest wohl vergebens sucht. In Anmut und Temperament werden die Fremden alle von der italienischen Triestinerin besiegt.
Obwohl das gebildete Triest einen ausgesprochenen kosmopolitischen Charakter trägt und dieses Gemisch deutscher, französischer, griechischer und armenischer Elemente die stärkste Stütze seines Gedeihens bildet, ist es eine vorwiegend italienische Stadt. Von den 110 000 Einwohnern sind vier Fünftel Italiener; der Rest wird durch die kulturell wenig bedeutenden Slaven und etwa 5000 Fremde gebildet.
Dieses starke Übergewicht des italienischen über das slavische und das deutsche Element läßt die reiche Stadt zu einem Schmerzenskind des habsburgischen Reiches werden. Die Irredenta, die Gesellschaft des »unerlösten Italiens«, die dem jungen Königreich vor allem gern die schöne Adriabraut zuführen möchte, wühlt in der Handelsstadt. Es waltet in den triestinischen Kreisen kein Zweifel, daß die italienische Rauflust ihre nächsten Lorbeeren im Bereiche des schönen Golfes holen wird.