Heute führt Triest noch den Ehrennamen der »allergetreuesten Stadt.« Auf ihrem Korso hängt die glutäugige Italienerin am Arme des deutsch-österreichischen Offiziers, und ihr helles Geplauder klingt nicht wie Kriegserklärung.

Der Korso scheidet die Neustadt von der Altstadt. Unmittelbar hinter den stolzen Häusern dieser Straße liegt jener verrufene Stadtteil, wo der Typhus und die Blattern kaum ausgehen, die Cholera je und je, wenn sie ihren Totenritt durch die Südlande unternimmt, ihr Rastquartier aufschlägt, wo die Werkstätten der italienischen Handwerker und die düstern Matrosenkneipen sind und manch ein armes Kind dem Laster erzogen wird.

Doch hat Alt-Triest mit seinen vom Rauch der Jahrhunderte geschwärzten Bauten einen Vorzug vor der neuen Stadt. Seine Häuser haben eine lange Geschichte, doch keines eine längere als das Gotteshaus von San Giusto, das, dem Dom von Aquileja und der Kathedrale von Parenzo in Istrien an Alter ebenbürtig, aus der legendenumsponnenen Kindheit des Christentums stammt.

Durch die Gassen und Gäßchen der Altstadt flanierend kam ich in die Via Trionfo, zu dem Rest eines alten Bogens. Er mag in Wahrheit von einem römischen Siegestor oder auch nur von einer antiken Wasserleitung herrühren. Vom Volke aber wird er dem König Richard Löwenherz, jenem ritterlichen Kreuzfahrer zugeschrieben, der im Jahre 1192 siegreich aus Palästina zurückkehrend von einem Sturm an die Küste von Aquileja verschlagen worden war, und heißt Arco di Ricardo.

Nun hinauf zu der Kathedrale von St. Just! In ihrer jetzigen Gestalt ist sie ein Doppelbau aus zwei Basiliken. An die ältere, schon drei Jahrhunderte nach dem Stifter des Christentums entstandene, wurde im 6. Jahrhundert eine byzantinische Kirche angefügt und beide im 14. Jahrhundert zu einer einzigen Halle vereinigt, welche durch vier Säulenreihen in fünf Schiffe geschieden wird.

Durch einen von ein paar Bäumen beschatteten Hof tritt man vor die Giebelfassade des Baues. Sie hat eine riesige Fensterrose. Christliche Insignien sind zwischen der Türe und dem massigen, das Gotteshaus flankierenden Turm, der römische Säulen enthält, eingemauert. Das höchste archäologische Interesse gewähren zwei Mosaiken im Innern. Sie schmücken die Apsis und bilden ein herrliches Zeugnis künstlerischen Könnens im Mittelalter. In Farben auf Goldgrund stellen sie die Gottesmutter und einen sie umschwebenden Chor von Engeln, sowie die zwölf Apostel dar. Ihr Ursprung geht zum Teil ins 7., zum Teil ins 11. Jahrhundert zurück.

Neben der Kathedrale, dem einzigen kunstgeschichtlich merkwürdigen Baudenkmal der großen Adriastadt, liegt ein ehemaliger Kirchhof. An einem in grünumrankter Bogenwölbung stehenden Sarkophag liest man die Inschrift: »Joanni Winckelmanno, domo Stendelia – – –«

Es ist das Grab Johannes Winckelmanns, des Schöpfers der deutschen Kunstgeschichte, der zu Rom als Kustode des antiken Museums lebte und im Sommer 1768 seiner nordischen Heimat einen Besuch abstatten wollte. Auf dieser Reise fiel er in einem Gasthofe Triests unter den Messerstichen eines italienischen Räubers.

Dicht über der Kathedrale erheben sich die grauen Mauern des 200 Jahre alten, auch gegenwärtig noch Befestigungszwecken dienenden Kastells, das Stadt und Hafen schützend überschaut. Es mag wohl an der Stelle des Kapitols stehen, das im Beginn unserer Zeitrechnung die römische Kolonie Tergeste beherrschte.

Ein Weilchen rastend hier zu stehen und Überschau zu halten über Triest, seinen Hafen und seinen Golf ist herrlich. Allein ich hatte einen Empfehlungsbrief für einen Seemann in der Tasche, dessen Schiff, der gewaltige Lloyddampfer Jupiter, im Arsenal der Bucht von Muggia lag.