Ich eilte wieder hinunter zur Piazza grande, wo sich ein lärmendes südliches Markttreiben entfaltet hatte. Es geht nichts über welsche Lungen, welsche Verkäufer und Verkäuferinnen; denn so ausdauernd, unverwüstlich wie jene, so abenteuerlich und drollig sind diese. Man kann bei ihnen alles Mögliche und noch einiges kaufen: Juwelen und Perlen aus Glas, Uhren und Zigarrenetuis, Stubenvögel und junge Ziegen, Käse und Salami, von Insekten umschwärmte Orangen, frische Datteln, die in langen Trauben noch aneinander hängen, Sträuße und Blumen in Töpfen. Immer führen zum Erbarmen schwer beladene Maultiere und Esel, von schmutzigen Titschenbauern gelockt und getrieben, neue Lasten von Lebensmitteln herbei.

Ich stand vor der Auslage eines italienischen Antiquars, der Volksbücher, Heiligenbilder, Holzschnitte, mittelalterliche Erd- und Himmelsgloben, sowie einen Wust deutscher und italienischer Literatur aus dem vorigen Jahrhundert feilbot. Ich entdeckte darunter eine alte Ausgabe der Gedichte von G. A. Bürger mit einigen Stichen und blätterte darin.

»Kaufen Sie es, mein Herr«, sagte der Jude, abgefeimt lächelnd in einem Tone, als hätte er mir das größte Geheimnis mitzuteilen; »der Autor hat so pikant geschrieben, und er hat alles selbst erlebt – – – –.«

Was er noch sagte, trieb mir die Zornröte ins Gesicht. Es ist wahr, der Amtmann zu Gelnhausen hat nicht für Kinder geschrieben; aber für die Marktkniffe eines italienischen Antiquars war mir der ehrbare, brave Bürger denn doch zu gut. Ich warf das Buch hin und eilte auf die schöne Piazza Lipsia, einem prächtig grünen öffentlichen Garten südlich von der Piazza grande.

Es drängte mich hinaus aus der Stadt. Nur das prächtige Standbild Maximilians I. auf der Piazza Giuseppina hielt mich noch auf, denn die tragische Geschichte des mexikanischen Kaisers hatte mir nun einmal seine Gestalt menschlich nahe gerückt. Der Erzguß ist ein Meisterwerk Schillings, des gefeierten Dresdener Bildhauers, der auch das Nationaldenkmal auf dem Niederwald geschaffen hat. Er stellt den Kaiser als eine imposant schöne Gestalt mit hoher, träumerischer Stirne dar. Ein mit allegorischen Figuren reich geschmückter Sockel trägt vier Inschriftentafeln. Drei feiern den Kaiser als Schützer der Kriegs- und Handelsflotte und als Verschönerer von Triest, während diejenige der Frontseite den Testamentspruch enthält, worin er seiner Freunde an der Adria und der österreichischen Marine am Tage vor seinem Tode mit einem letzten Lebewohl gedenkt.

Vom südlichsten Teile des Hafens zieht sich ein angenehmer Spaziergang längs des Meeres, an den Landhäusern von Sant' Andrea vorüber, zum Lloyd-Arsenal, das ein Halbstündchen von der Stadt entfernt liegt. Da die Straße langsam steigt, übersieht man am Eingangstor des Arsenals die ganze Anlage der gewaltigen Schiffsbauwerkstätten, die sich zwischen Straße und Meer ausbreiten.

»Signore Rossi, macchinista sul Giupitro!« las der Portier als Adresse auf meinem Empfehlungsschreiben. »Treten Sie ein«, sagte er; »wo das Schiff eben liegt, kann ich Ihnen nicht sagen; doch wird man Sie drunten weisen können.« Ungehindert stieg ich durch ein turmartiges Treppenhaus in den Fabrikhof hinunter und schlug mich glücklich zwischen den Gebäuden, dem Rauschen, Rasseln und Dröhnen, das aus den Werkstätten klang, zum Meeresstrande durch.

Da war wieder ein Teil jenes Waldes, der in aller Herren Ländern gewachsen ist, zwar nicht so groß, wie der im Hafen von Triest, aber immerhin groß genug, um mich in einige Verlegenheit zu bringen. Welche der ragenden Bäume gehörten dem Jupiter an? Als Ausweis meine Briefadresse zur Hand, wanderte ich über die provisorisch von Schiff zu Schiff geschlagenen Stege, bis ich fast zufällig vor dem Bauch eines der gewaltigsten Schiffe stand. »Giupitro« glänzte der Name am Pavillon desselben.

Herr Maschinist Rossi empfing mich mit großer Liebenswürdigkeit.

Ein Schiff ist ein Schiff und wesentlich immer dasselbe; aber ein Ostindienfahrer wie dieser Jupiter nötigt der Landratte doch einen Zoll ehrlicher Bewunderung ab. Es ist nicht allein seine Größe, die dazu zwingt; es ist fast mehr noch die Art, wie eine in sich vollkommene Welt in die Planken des schwimmenden Meerpalastes gefügt ist, die technisch vollendete Einteilung des Raumes von den Kohlenbehältern durch drei Etagen hinauf bis zu den Salons, die mit Glühlichtlampen erhellt werden und im Glanze luxuriösen Komforts strahlen.