Ein tiefer, blauer Himmel stand über dem tiefen, blauen Meer, und die Morgensonne, die über den istrianischen Bergen emporgestiegen war, leuchtete über die wonnig zitternde Flut.
»Unermeßlich und unendlich,
Glänzend, ruhig, ahnungsschwer,
Liegst du vor mir ausgebreitet,
Altes, heil'ges, ew'ges Meer!«
Die schönen Verse von Anastasius Grün, dem Grazer Poeten, kamen mir zu Sinn, als ich die weite See übersah, von der ich in meiner Jugend so oft geträumt hatte.
Nur hatte ich damals gemeint, wenn ich einmal darüber hinfahre, so müsse es auf einem gewaltigen Meerdampfer sein, auf einem Ostindienfahrer mit geblähten Segeln, wo die Matrosen im Tauwerk klettern und ein kleiner Hydriot im Mastkorb sitzt. Nun war's auf einem istrianischen Küstenfahrzeug, dreimal so groß wie eine Nußschale.
Wir hatten Südwestkurs nach Pirano, das am westlichsten Kap von Istrien mattweiß über die See hinschimmerte. Unterhalb Triest öffnet sich die liebliche Bucht von Muggia, welche, wie der Busen von Fiume im Osten, hier im Westen die Halbinsel Istrien vom Festland abschnürt, daß sie wie ein Herz am Kontinent hängt.
Das übrige Europa hört wenig vom Schlag dieses Herzens. Selbst in der österreichisch-ungarischen Monarchie kümmert man sich nicht viel darum, was in dem stillen, vergessenen Land vorgeht. Es suchen und fliehen, lieben und hassen sich auf seinem dürren Felsboden 300 000 Menschen gerade so heftig und so innig, wie in den Ländern der Hochkultur; aber nur je der zweite Mann und je die dritte Frau kann ein Brieflein schreiben.
An der Grenze des triestinischen und istrianischen Gebietes sahen wir drei große ostindische Kauffahrer stehen, welche dort ihre vierzehntägige Quarantäne hielten. Die Kolosse lagen wie im tiefsten Schlaf; die Segel waren eingerefft; die gewaltigen Schlote rauchten nicht; kein Mann rührte sich auf Deck.
Quarantäne! Das Wort steht in üblem Ansehen bei den Schiffsleuten. Der Seemann hat auch ein Herz im Leibe; er hat Frau und Kind, oder ein Liebchen in der Stadt; und nun muß er abrasten im Anblick des Ziels, abzählen den Stundengang langsam hinrinnender Zeit, ehe er nach monatelanger Abwesenheit das weinende Weib in die Arme schließt, den lachenden Buben küßt, oder mit seinem Liebchen die kurze, tolle Liebe des Matrosen lebt.
Auch die Wasserratte sehnt sich von Zeit zu Zeit aufs Land. »Lieber im Sturm als in der Quarantäne«, hat mir Herr Rossi erklärt.
Hinter zwei Landzungen öffnete sich nach halbstündiger Fahrt von Triest die große Bucht von Capo d'Istria, und auf einem anmutigen Hintergrund grüner Uferhöhen und fern verdämmernder Berge winkte das alte Städtchen, das dem Wasserbecken seinen Namen lieh. Palladia, Ägida, Justinianopolis, Kapris und Capo d'Istria sind fünf Namen, ein kolchischer, ein römischer, ein byzantinischer, ein slavischer, ein italienischer, und alle meinen dieselbe Stadt. Viel Waffenklang, Männerstreit und vieler Völker Blut liegt zwischen diesen Namen innen; kein Wunder also, daß der Wein von Capo d'Istria so dunkel im Glase schäumt und so feurig durch die Adern rollt.