Über den altersgrauen Häusern steht ein großes, modernes Gebäude mit einem Belvedere. Es beherrscht Stadt und Bucht, wie in den bildungsfreundlichen Gegenden unserer Heimat etwa ein Schulbau von lichter Höhe ins Tal, auf Stadt oder Dorf herunterleuchtet.
»Un ginnaso od un' academia?« fragte ich, darauf zeigend, meinen Nachbar, einen ältern, freundlichen Herrn.
»Un penitenziario«, eine Strafanstalt, antwortete er.
»Armes Land, das so schöne Strafanstalten hat!« Ich sagte es nicht, aber ich dachte es, und der Herr mochte mir meine Enttäuschung vom Gesichte lesen. Er lächelte und bemerkte, wenn man nicht gerade einen bedeutenden Wert auf die Bewegung im Freien setze und Geld genug zur Verfügung habe, so lebe sich's im großen Hause von Capo d'Istria nicht übel.
Ich hatte an dem vertrauenerweckenden Alten einen liebenswürdigen Gesellschafter, den ich in Citta nuova ungern verlor; denn er ließ sich durch mein ziemlich gebrochenes Italienisch nicht abschrecken, mir manches Wissenswerte über Istrien mitzuteilen. Als ich einiges davon notierte, war er sehr erfreut. »Schreiben Sie«, sagte er zu mir, »etwas besonders Schönes von Rovigno; meine Frau war eine Rovignesin, und einer meiner Söhne, ein schöner, zwanzigjähriger Mensch, liegt dort begraben. Er hat schon mit fünfzehn Jahren Verse gemacht wie Dante und Ariost. Die meisten klugen Menschen sterben früh.«
So kamen wir in die Nähe von Isola, das sich pyramidenförmig an einem Hügel der steilen, weit nach Westen vorspringenden Küste aufbaut. Altersgraue, viereckige Türme haben es zu Kriegszeiten gegen das Innere der Halbinsel geschirmt. Heute hält dieser Schutz nicht mehr stand; die Mauern und Wachten zerbröckeln. Die alten, aus venetianischer Zeit stammenden Stützmauern aber, welche das Städtchen ins Meer hinabsendet, damit der Wogenprall der durch Borastürme aufgeregten See seinen Grund nicht unterspüle, sind heute noch von Wichtigkeit für den steil am Ufergebirge klebenden Ort.
Auf einer gleichen, sich aus der Ferne viaduktähnlich ansehenden Schutzbaute ruht der schöne Dom von Pirano. Sankt Georg, der auf dem Turme desselben steht, ist ein wetterwendischer Heiliger, der seinen Mantel nach dem Winde dreht und heute, da ein leichter Levante über die See strich, gegen Grado hinübersah, als wollte er Sant' Eufemia drüben grüßen.
Man fährt von Triest aus in anderthalb Stunden nach Pirano, das von den Terrassen eines steilen Vorgebirges die Adria nach drei Richtungen überblickt. Altersgraue Kastellmauern, an welchen Reben und Olivengesträuch emporwuchert, überragen es malerisch.
Malerisch! Das sind die Küstenstädte Istriens alle. In ihren geborstenen Festungsmauern liegt das Kriegselend einer großen Vergangenheit und das Stillleben der trostlosen Gegenwart ausgestellt. Wie die kriechenden Lianen den Verfall der alten Schutzwehr, so deckt ein sorgloses Volksleben den Mangel einer modernen Geschichte zu. Als Venedig blühte, und die Herrin der Adria war, da hatten auch diese Vasallenstädte eine goldene Zeit, und so erinnert denn, was darinnen an Gebäuden irgendwie von Bedeutung ist, an die versunkene, venetianische Herrlichkeit; Rathaus und Dom tragen die Wappen Venedigs; allein
»Es wirft nur Schatten her aus alten Tagen,
Es liegt der Leu der Republik erschlagen.«