Wo ein Reich ein schönes Stück Nationalvermögen hingegeben an den angenehmen Gedanken, stark zu sein, stand ich jetzt, am Kriegshafen der österreichisch-ungarischen Monarchie, am Quai von Pola, und dachte an die Leberknödel meiner lieben Wirtin zu Monfalcone.
Ich will es nur gestehen, daß mir im frischen Hauch der Meerluft ein gutes Beefsteak, ein Nierenbraten, eine Ganskeule oder ein Presciutto stets als besonders begehrenswerte Dinge vorgekommen sind. In Pola bekam ich für Geld und gute Worte etwas Lämmernes, und es wurde mir davon sehr friedlich zu Mute. Allein nun galt's, den Tag noch auszunutzen!
Nachdem ich in einem Hotel ein Zimmer bestellt, stand ich etwas vor vier Uhr am Eingangstor zu den Werkstätten des k. k. See-Arsenals. Sie ziehen sich in der Länge eines Kilometers am südlichen Ufer der Bucht von Pola hin, während die Etablissemente für den Schiffsbau und die Docks den Scoglio olivi, eine der Stadt zu Füßen liegende Insel, bedecken.
Nirgends findet der Fremde ein freundlicheres Entgegenkommen als in Österreich. Die einfache Visitenkarte öffnet ihm, sofern nicht Glieder des Herrscherhauses selber da sind, die kaiserlichen Schlösser; sie genügt auch, um Eintritt ins Seearsenal zu erlangen. Als Führer wurde mir ein junger, hübscher Mann in Unteroffizierstenue vorgestellt, und ich war angenehm überrascht, statt des langweilig pathetischen Erklärungstones der italienischen Ciceroni ein gemütliches Grazerdeutsch zu hören.
So wanderten wir denn. Schon im Waffensaal, wo die großen Geschütze in Reih und Glied stehen, die Bomben und Granaten zu Tausenden kunstreich geschichtet auf ihren Lagern liegen, wird dem Laien ganz kriegsandächtig zu Mute. Allein erst im Marine-Museum, wo alle die verschiedenen Dinge, die zur Flotte und ihrer Geschichte eine Beziehung haben, in einer Flucht von Gemächern aufgestapelt liegen, offenbart sich ihm vom Schlachtenhandwerk zur See ein Stück intimen Lebens.
Besonders fesselnd ist die Menge zierlicher Schiffsmodelle, die eigentliche Kunstwerke der Kleintechnik sind. Sie gewähren in ihrer Gesamtheit ein lehrreiches Bild von jenem gewaltigen Umschwunge, der sich in den letzten dreißig Jahren im Marinewesen vollzogen hat. An manch eines der ältern ließe sich eine fesselnde Schiffsgeschichte knüpfen. Viele Schiffe, deren Modelle hier noch ein lebhaftes Interesse erregen, stehen entmastet, zu einem Warenlager oder Pulvermagazin erniedrigt irgendwo im letzten Hafen oder fahren, von der Verwaltung ausrangiert, neu aufgeputzt und neu bewimpelt, unter der Flagge irgend einer halbzivilisierten Macht, die den Marinesport der europäischen Nationen nachahmen will.
Auch ein Schiff hat sein Schicksal. Vielleicht keines ein traurigeres als die »Maria Anna«, einer der schönsten Kriegsdampfer. Zwischen Triest und Venedig kreuzend, verschwand sie mit ihrer Mannschaft an einem stürmischen Märztage des Jahres 1852, ohne daß es je gelungen wäre, Bestimmtes über ihren Untergang zu erfahren.
Was immer die österreich-ungarische Flotte auf ihren Kreuz- und Querzügen durch die Meere an nautischen Gegenständen von fremden Küsten hergetragen, indianische Canoes und figurenbedeckte asiatische Fahrzeuge, das liegt hier aufbewahrt. An den Wänden und in Schreinen hangen die Trophäen aus den Seetreffen älterer und neuerer Zeit, die blauweiße Flagge, die Don Juan von Österreich in der Schlacht von Lepanto im Jahre 1571 auf seinem Admiralschiff führte, und zahlreiche tunesische, marokkanische und egyptische Wimpel aus den Jahren 1829 und 1830.
Mit besonderer Sorgfalt sind die Trophäen aus der Seeschlacht von Lissa und mannigfache Erinnerungszeichen an Admiral Tegethoff, Uniformen, Feldzeichen, Orden, Lorbeerkränze aufbewahrt worden. Sie mahnen aus ihren Glasschränken heraus an jene blutig bewegten Tage, da Österreich unter dem furchtbaren Eindruck der Niederlage von Königgrätz, trotzdem es in jenem Doppelkrieg sich Italien gegenüber zu Land und zur See siegreich behauptet hatte, das reiche Venetien durch die Vermittlung Napoleons III. dem re galant' uomo hingab.
Nun traten wir in die Artilleriewerkstätten, wo ein Arbeiterbataillon hämmert und feilt, hobelt und bohrt, poliert und dreht. Was bereiten denn diese hundert und hundert emsigen Gesellen, diese rollenden Maschinen? Was wird aus den hochgeschichteten Stößen von Erz, was aus den brodelnden Metallmassen, die aus den Öfen zischend in die Formen schießen?