Dann führte mich der Weg hinab zu reizenden Baum- und Buschanlagen, wo im tiefsten Parkfrieden das Maximiliansmonument, eine zu jeder Seite mit drei Schiffsschnäbeln gezierte, schlanke Säule, steht, die von einer geflügelten, auf einer Kugel stehenden Viktoria bekrönt ist.

Ich habe die Figur im ersten Augenblick für eine Fortuna gehalten, hat doch der unglückliche Kaiser von Mexiko mehr von der Macht der launenhaften, flüchtigen Göttin des Glückes als von der lorbeerspendenden des Sieges erfahren, zu deren Bildnis sich die mexikanische Kaisergeschichte wie eine bittere Satire ausnimmt.

Nachdem ich Pola im Mondschein noch mehrmals durchstreift, ging ich ermüdet von der Triumphpforte der Sergier gegen den Quai hinunter. Da hörte ich aus einer Schenke die Stimme einer Sängerin. Sie sang das Lied: »Komm, flieh mit mir und sei mein Weib.« Ich hörte stillstehend zu, bis die Schlußworte »verdorben, gestorben« verklungen waren. Als eben eine Schar Seeleute dem Gesang händeklatschend ihren Beifall gab, trat ich ein.

Es war der Schauspieler und sein Weib, die ich auf so seltsame Art bei der Arena kennen gelernt hatte, welche in dem raucherfüllten, nicht sonderlich reinen Raume sangen. Man trank ein leidliches Bier, und in eine Ecke gedrückt hörte ich den Deklamationen und Gesängen des armseligen jungen Künstlerpaares zu. Gewiß hatten diese Leutchen schon bessere Gesellschaft gesehen. Hier leuchtete ihnen kein Stern. Plötzlich verlangten die Italiener unter den Seeleuten einen italienischen Vortrag, und das ausgehungerte Paar war in größter Verlegenheit. Jeder Versuch einer weitern deutschen Deklamation wurde durch italienische Gesänge vereitelt, der Wirt hob die Vorstellung auf, und mit der unglücklichsten Miene von der Welt eilte der deutsche Schauspieler mit seinem Weibe davon.

Es war mir selbst unbehaglich geworden; denn die Deutschen und die Italiener suchten sich gegenseitig mit ihren Liedern zu übertönen und einige Minuten nach der abgebrochenen Vorstellung suchte auch ich meinen Gasthof auf und nahm mir vor, bis um fünf Uhr morgens so fest zu schlafen, wie daheim bei der Mutter. Das Bett war wirklich vortrefflich; allein ich hatte meine Rechnung ohne die Plagegeister des Südens gemacht. Schon bald nach Mitternacht erwachte ich von einem Schmerz, wie wenn ich im dichtesten Nesselbusche läge, und als ich Licht machte und die Decke zurückschlug, rannten eben die letzten der braunroten Halbflügler davon.

Ratlos stand ich am Fenster und sah zum Mond hinauf, der ruhsam über die Dächer von Pola zog. Draußen lag eine lichtvolle sommerlich warme Nacht. »Ruhe findest du hier keine mehr«, sagte ich mir; »wie wär's, wenn du hinauswandertest, einsam wandertest in das fremde, mondhelle Land?«

Der Gedanke hatte etwas Romantisches; ich widerstand ihm nicht lange und das Türschloß des Gasthofes auch nicht. So zog ich denn hinaus, ein stiller Gänger, am Amphitheater vorbei hinauf auf das Plateau und immer südwärts über die öden Karstgründe dahin.

Wer nie so menschenverlassen gewandert ist, der faßt kaum die Poesie eines solchen nächtlichen Streifzuges. Sie läßt sich in Worten nicht wiedergeben. Die Steinklippen, die Ränder der Mulden, selbst das Laub des Gesträuchs leuchteten mit einem fahlen Schein; auch nicht ein Mensch begegnete mir; nur in einem fernen schlafenden Gehöfte schlug ein Hund an, um sich dann rasch wieder zu beruhigen.

Und doch war die Einöde fern und nah tonerfüllt. Sangen die Zikaden, sangen die Vögel im Traume? Ich glaube das letztere. Als der Morgen kam, da klangen über dem gottverlassenen Karstlande, in den Steinwinkeln und in der Bläue der Luft so viele Vogellieder, daß ich mich nur wundern mußte, in dem Gefelse ein so reiches Tierleben zu finden.

Trotzdem ich ohne Hast gegangen war, stand ich um vier Uhr auf einer Uferhöhe, nicht fern von Medolina, das an einer lieblichen Bucht ganz im Süden der Halbinsel liegt.