Schon stritten sich Mondlicht und Dämmerschein und als eine schwarze Felsenbarre zog sich die äußerste Spitze von Istrien – Promontore – und der Scoglio Porer in das perlmutterglänzende Meer hinaus. Fern im Osten über dem Quarnero stieg die Sonne groß und golden aus der See empor und umflutete die Küstenhöhen mit einer Garbe jungen Lichts; dann wurden auf dem Meer Segel sichtbar; die Flut selber war überhaucht von Sonnengold.

So führt im hellenischen Mythus Helios seinen goldenen Wagen über das Meer herauf.

Von einer immergrünen Eiche steckte ich mir ein Zweiglein auf den Hut; dann wanderte ich schneller, als ich gekommen war, nach Pola zurück.

Auf dem Wege dahin sah ich ein istrianisches Idyll: Eine junge Bäuerin, die, auf einer Eselin sitzend, mit der einen Hand die Kunkel hielt, mit der andern ein grobes Baumwollgarn spann und eine Ziegenherde vor sich her trieb.

Noch mehr aber als dieses Bild erheiterte mich die Überraschung, die sich auf dem Gesichte meines Wirtes spiegelte, als ich mit allen Spuren einer Morgenwanderung vor ihn trat. Er schwur hoch und teuer, daß es in seinem Hause keine Wanzen gebe; als ich aber meine Rechnung bezahlte, bat er mich, es keinem Menschen zu verraten, daß ich bei ihm schlecht geschlafen habe.

Nach dem Frühstück eilte ich auf das Dampfboot, wo ich kaum eine Minute vor der Abfahrt anlangte. Als dasselbe aus dem Hafen manövrierte, sah ich die Sängerin von gestern abend zwischen ein paar großen Weinfässern des zweiten Platzes kauern. Erst jetzt fiel mir so recht auf, wie jung, kaum über die zwanzig Jahre, und wie erbarmungswürdig das Wesen in seinem schwarzen Kleide dreinsah. Als sie sich jedoch von mir beobachtet fühlte, da stieg eine tiefe Röte in ihr Gesicht; meine Entdeckung schien sie peinlich zu berühren. Dann aber kam sie plötzlich auf mich zu.

»Wir haben uns getrennt«, sagte sie; »wir waren in Wahrheit nur so weit hinabgewandert, um uns im Meer das Leben zu nehmen; allein der Tod tut weh! Ich gehe heim in die Steiermark; denn ich habe einen Vater und eine Mutter dort. Zu ihnen will ich zurückkehren und will arbeiten. Ich bin ihnen fortgelaufen. Der Sänger ist nicht mein Mann; aber wir hatten einander lieb. Er war immer gut mit mir, und gestern nacht, als ich weinte und mich das Heimweh überkam, da schenkte er mir die ganze gestrige Einnahme und sagte: »So geh, du mein armes, armes Kind; ich darf dich nicht länger halten!« Mein Gott, was wird aus ihm jetzt werden! Er wird allein tun, was wir zusammen nicht vollbringen konnten. Er hat keinen Halt mehr; ich hätte ihn nicht verlassen sollen.« Sie hatte das letztere mehr zu sich selbst als zu mir gesagt und lehnte nun in stummer Verzweiflung an einen Warenballen.

Bis nach Rovigno hinauf waren ein sehr elegantes, italienisches Fräulein, das von Cattaro kam, und ich die einzigen Passagiere erster Klasse. Mit steigender Aufmerksamkeit hatte diese junge Dame die eben geschilderte Szene beobachtet, und als ich in ihre Nähe kam, erkundigte sie sich einläßlich, was dem armen Wesen fehle. »O poveretta, poveretta!« rief sie, als ich ihr die Umstände der Sängerin erzählte, und übernahm an ihr das Amt der barmherzigen Samariterin. Sie erledigte sich seiner in einem gebrochenen Deutsch, das man für drollig hätte halten können, wäre es nicht die Sprache einer Menschenfreundin gewesen, und mit ebenso viel Anmut, als Erfolg; denn als wir uns Rovigno näherten, war der Ausdruck dumpfer Verzweiflung in dem Gesichte der Steiermärkerin demjenigen einer stillen Ergebung gewichen.

»Ich werde die Arme in Triest in ein Haus begleiten, wo man für ihre Heimkehr sorgen wird!« sagte mir die Cattaresin. Kein Mensch hätte ihr dankbarer sein können als ich, daß ich endlich einer Reisebekanntschaft, die ich dreimal unter den seltsamsten Umständen gemacht, auf eine so schickliche Weise ledig wurde.

Bis in die Gegend von Parenzo hatten wir wieder prachtvolle Fahrt bei spiegelglatter See; dann aber verdüsterte sich der Himmel, wurde bleiern, und ein sengend warmer Scirocco brach ein. Schon in der Gegend von Cittanuova schwankte unser Küstendämpferchen bedenklich, und bald war die See nah und fern mit weißen Schäumen überdeckt, die gleich gescheuchten Herden vor dem Seewind flohen. Es war kein Sturm, aber ein Stürmchen, gerade stark genug, um mir noch eine Vorahnung dessen zu geben, was zur See schlechtes Wetter heißt. Abgeschlagen und wohl auch der Seekrankheit nahe, kam ich in Triest an. Unser Schiff hatte zwei Stunden Verspätung, und noch am folgenden und zweitfolgenden Tag fühlte ich die Nachwehen der paar Stunden unruhiger Fahrt, ein Gefühl des Schwankens, als wäre ich noch zu Schiff.