Sie ist zwar auch eine jener Sammellinsen des Fremdenverkehrs, eines jener Schaustücke, an die man mit dem Gefühle herantritt, es möchte sich um eine abgegriffene Münze handeln. Als ich sie aber sah, da wurde ich aus einem Saulus ein Paulus.
Der frühe Osterschein flutete wonnig auf den blauen Golf von Triest, als der Kurierzug meinen liebenswürdigen Gastgeber, Direktor Johannes Heer von Monfalcone, und mich aus dem Bereiche voll entfalteten Lenzes, aus der klassisch schönen Meerlandschaft von Duino und Miramar in das noch winteröde Karsthochland von Nabresina und Sesana trug.
Der Schienenweg dahin bildet eine gewaltige, nach Norden ausweichende Schlinge, die sich nach einem vierzig Kilometer langen Weg bei Sesana wieder bis auf zwei Stunden dem adriatischen Handelsemporium nähert.
Die fahlen Steinklippen der Gegend von Nabresina erscheinen, nachdem man die Duftwellen des Frühlings von Miramar geatmet, unsäglich vegetationsarm, ärmer, als sie in Tat und Wahrheit sind; denn das Pflanzenleben hat sich in die Dolinen, die merkwürdigen Gesteinskessel des Karsts, zurückgezogen. Da feiert es, vor der Bora geschützt, seinen einsamen, wenig beobachteten Frühling und bedeckt die rötliche Erde dieser Vertiefungen mit dem Schnee fallender Olivenblüten.
Nähert man sich Sesana, so schimmert der weiße Steinobelisk von Obcina, der von Triest aus gesehen auf steiler Bergeshöhe steht, horizontal über das Plateau her. In dem freundlich aus grauen, wenig bebuschten Karren emporsteigenden Ort sind wir bereits drei und ein halbhundert Meter über Meer. Ein Hauch des Nordens zieht hier selbst im Sommer, wenn Triest zum unausstehlichen Glühkessel wird, durchs Land. Darum ist Sesana die Sommerfrische der reichen Triestinerfamilien, deren Landhäuser aus kleinen, dem Karst abgerungenen Gärten heraus auf die im einzelnen ebenso bizarren, als im ganzen einförmigen Steinklippen schauen.
Allmählich geht die Gegend in ein Gebirgsland über, dessen Bodenerhebungen nur hügelartig als ein Wirrsal von Geröllkuppen über die Landschaft steigen. Als wäre ein weiter, gewaltiger Bergsturz über das Land gegangen, starrt, wohin immer der Blick auch streift, das lichtgraue, zerklüftete Gefelse auf. Wilder Thymian und andere kleine Heidekräuter überwuchern es, ohne die grenzenlose Blöße des Landschaftsbildes zu verhüllen.
Der Karst ist ein weites Gebirge; denn der Hirt der Tolmeinberge, der seine Ziegen unter dem Predilpasse weiden führt, und der montenegrinische Schäfer am Scutarisee hüten ihre Tiere an seinen Gehängen. Er bildet abgeschlossene Talbecken, wo ein Seespiegel oder ein Wasserfaden glänzt, der aus dem Berge sprudelt, sich lustig im Lichte sonnt, bis er sich wieder in einen Höhlengrund stürzt und, dem menschlichen Blick entzogen, eine tolle Welt von Tropfstein baut. Die Hänge und die Höhen aber dürsten wie der reiche Mann in der Gehenna.
Ein toniger Humus, die terra rossa, füllt die Karstklüfte und Mulden aus. Er ist der Träger der Pflanzenwelt und, wo genügend Wasser vorhanden ist, ungemein fruchtbar. Man sagt, daß die Bauern auf den Miniaturäckern, welche im Grunde der Gebirgstrichter liegen, drei Jahre Weizen ernten können, ohne zu düngen. Allein die Felder und fruchtbaren Talböden bedecken nur ein Fünftel des Karsts; mehr als die Hälfte ist Weide; doch gibt es unter diesen Weiden Flächen von der Größe eines Quadratkilometers, wo sich keine Ziege satt fressen könnte; der Rest ist Wald, aber stundenweit steht kein armsdicker Baum. Nur im Ternovanerwald bei Görz schlägt man noch Mastbäume; im Tiergarten von Duino stehen dunkle, große Terebinthen, und in Lippiza bei Sesana weiden die Füllen eines Gestüts im Schatten eines Hochwaldes. Der übrige Wald ist ein lichtes Gebüsch von Eichen und Wachholder, Ahorn und Pappeln, welches die Klippen begrünt.
Auf einer solchen Waldoase ruht das Auge, wenn der Zug an einer Berglehne hinbrausend ins Tal der Reka tritt, eines kleinen Karstwassers, das seine Wellen plaudernd gegen St. Kanzian hinunterträgt, wo es sich in einem Felsenschlund verliert. Man nimmt an, daß die Dolinen des Plateau von Nabresina das unterirdische Flußbett der Reka zu den drei mächtig aufrauschenden Quellen des Timavo andeuten.