Längs der Eisenbahn stehen hölzerne und steinerne Schutzwehren gegen die Bora, graue, unheimliche Bauten, die auch dem im goldenen Sonnenschein durch den Karst fahrenden Fremden nahe führen, wie wild die Geister der Luft in dieser Felswüstenei zuweilen ihre Sturmorgien feiern. Zu solchen Zeiten leisten die Bahnangestellten dieser Gegend den Sicherungsdienst mit Steigeisen an den Schuhen. Sogar die Gewalt der Lokomotive bricht sich zu Winterszeiten hin und wieder an den von der Bora geteilten zusammengewehten Schneemassen, so daß der Verkehr auf dieser Linie stockt. Dann mögen sich die Reisenden, die in einem armseligen Karstdörfchen eingeschneit auf Erlösung warten, sehnsüchtig an die Beefsteaks Wiens oder die Meerfische Triests erinnern!
Die Bora steht ebenso sehr durch ihre Kälte als durch die explosionsartige Heftigkeit ihrer Stöße in Verruf; allein so erstarrend sie auch auf den Körper wirkt, ihre Temperatur sinkt selten auf den Gefrierpunkt, und das Kältegefühl, das sie erzeugt, beruht aus einem subjektiven Vorgang, auf der durch die Trockenheit des Windes hervorgerufenen, lebhaften Verdunstung der Haut.
Man hat, ähnlich wie zur Ergründung des Föhns, zu dem die Bora so recht die Kontrasterscheinung bildet, allerlei künstliche Theorien herbeigezogen, um ihr Wesen zu erklären; die neueren, meteorologischen Forschungen haben indes erwiesen, daß sie einfach der Abfluß eines hohen Luftdruckes, der über den Saveländern lagert, gegen das Adriabecken ist.
Nirgends tritt die vegetationsertötende Wirkung dieses Windes und die grenzenlose Armut des Karsts so überredend vor den Blick, wie bei St. Peter, der zweiten Station von Adelsberg.
Überschaut man diese Öde, so glaubt man es kaum, doch ist es durch geschichtliche Dokumente bezeugt, daß der Karst einst mit nur unterbrochenem Hochwald bestockt war. Im Volke lebt die Sage, die Venetianer hätten die gewaltigen Eichenhaine geschlagen, um Bauholz für ihre Flotten zu gewinnen. Da sei der Fluch der an die Schiffsplanken hingeschmiedeten Galeerensklaven über die Heimat des Schiffsholzes gekommen, und die Forste seien abgestanden.
Vox populi, vox Dei! Nur hier nicht. Venedig hat lange vor andern Staaten in seinen Provinzen für die Erhaltung des Waldes Sorge getragen, und als der Markuslöwe seine Flügel über die Karstländer schlug, da war das Hauptwerk der Forstverwüstung bereits getan. Die Jahrhunderte alte Schuld trägt die Mißwirtschaft der Gemeinden, der Karstbauer mit seinem Weidgang.
Eigentlich virtuos geht man in einigen Gegenden Istriens gegen den Wald vor, wo der »contadino« nicht warten mag, bis sich durch die Wurzeltriebe etwas verkäufliches Staudenwerk gebildet hat, sondern die Wurzeln selber ausgräbt und in die nahen Städte zu Markte führt.
Unter dem wenigen Guten, das man dem österreichischen Großgrundbesitz nachreden kann, gehört das vielleicht zum Besten, daß er in den Karstgegenden am meisten die Kraft besaß, den ursprünglichen Hochwald, so die schönen Buchenhaine Oberkrains, in die Gegenwart herüber zu retten, während die Gemeinden ihre einstigen Forste, soweit sie nicht der vegetationslosen Öde gewichen sind, auf Niederwald herabgewirtschaftet haben, der je nach der Holzart alle sieben oder vierzehn Jahre geschlagen wird.
Die christliche Legende erzählt, der blinde Missionar Beda habe, von einem Knaben irre geführt, einst den Steinen gepredigt; da hätten diese statt der Menschen gerufen: »Amen! Amen!« Auch die nackten Karstklippen rufen. »Gebirgsvölker, schont den Wald!« rufen sie.
Seit drei Jahrzehnten macht sich eine Bewegung, deren Seele der k. k. Forstrat Ritter von Guttenberg ist, für eine Verbesserung der Waldverhältnisse des Karstes geltend. Das große Losungswort heißt: »Wiederaufforstung« und Gesetz bietet die staatliche Grundlage für die Wiederbewaldung wenigstens des küstenländischen Karsts. Man hofft, durch diese die Gewalt der Bora zu brechen, die Bodenfeuchtigkeit zu vermehren, die seit der Entforstung gesteigerten Gegensätze des Klimas zu mildern und nach und nach den durch Gewitterregen weggeschwemmten Humus wieder zu gewinnen.