»Ich will dir die Ruine Weißwasserstelz am Strom zeigen,« antwortete er, »sie liegt nicht weit von hier. Ich war einmal mit Doktor von Jaberg und Gerold dort; die Gegend hat viele merkwürdige Altertümer.«

Eine Weile sprachen sie von Gerold, dem seit etlichen Jahren entschwundenen gemeinsamen Freund; aber Nick spürte, daß die Gedanken Ulrichs nicht bei der Sache waren. Der Atem ging ihm schwer.

Das stille Sprießen des Frühlings umgab sie, Millionen weißer Sterne standen und beteten zur Sonne: »Wir danken dir, Urheilige, daß wir blühen und scheinen dürfen.« Aus der Schweiz herüber rief der Kuckuck mit durchdringend hellem Klang, und wenn er schwieg, so antwortete der aus dem Schwarzwald. Die Waldpfade, durch die Ulrich seine Begleiterin führte, waren so verwachsen, als ob hier nur alle hundert Jahre eine leichtfüßige Fee durchstreife, um nachzusehen, ob die Welt noch stehe. Doch nein, so menschenleer war die Wildnis nicht. Sie kamen in einem Tälchen an die Guggimühle: graues Gemäuer wie ein Stück Frühmittelalter, doch bewohnt.

»Und hier muß auch Weißwasserstelz sein,« unterbrach Ulrich das Schweigen. »Dort auf dem Waldhügel am Rhein liegt die Burg, nur sieht man sie vor den Tannen nicht, bis man mit der Stirn daranstößt.« – Sie schritten empor.

Waldumsponnen stand die Ruine in Lenzduft, Sonne und Einsamkeit, und von den grünen Wogen umspielt erhob sich im Rhein noch ein zweites Schlößchen: Schwarzwasserstelz, hoch und schlank wie eine gotische Kapelle.

»Wie wunderschön ist die Stätte,« rief Nick, »wie märchenhaft die Stimmung, die Wald und Efeu um die gebrochenen Mauern und Portale verbreiten und die Reste der viereckigen und runden Türme!«

Den Hut in der Hand setzte sie sich auf eines der gestürzten Trümmerstücke, ruhte mit schlanker, biegsamer Gestalt und atmete den Traum des alten Burgmärchens in sich ein. An den dunkeln Kanten des Gemäuers brach sich das Blau des Himmels, aus jäher Tiefe flimmerten die Wellen des Stroms, auf dem Gestein sonnten sich mit listigen Äuglein und geöffneten Mäulchen die Eidechsen, und durch die geschwärzten Bogen herein flatterten kleine blaue Schmetterlinge, wie dem Grab entstiegene Seelchen, die sich noch einmal an der warmen Luft freuen wollen. Einige Föhren, die zuhöchst auf die Mauern gestiegen waren, breiteten ihre Schirme wie Fahnen der Vergessenheit aus. Das gesamte Bild bat: Stört mich nicht! Nach Sturm und Kampf bin ich der selige Todesfriede derer, von denen man nicht mehr spricht; zu unruhvoll sind mir eure Herzen, ich mag nur Sonne, Wind, Wetter und das Schlummerlied des Stromes. – So empfand Monika die Stimmung.

Ulrich aber sah nur sie, den Sonnenflimmer auf ihrem Haar, ihren tiefroten Mund und die junge, leisbebende Brust. Er setzte sich stumm zu ihr hin. Jetzt oder nie!

Vor seinem Blick erbangend löste sie selber das Wort aus: »Uli, du bist so verändert. Ist dir nicht gut?«