Seit Friedrich Junghans nach Mainz gezogen war, dachte Nick ruhiger an Ulrich. Der bedächtige ältere Bruder war dem jüngern doch ein Schutz vor mancherlei Abenteuern.

Nebenbei bemutterte sie ihren unbehilflichen Freund Glorian Rollenbuz. Dann und wann hielt sie Nachschau in seiner Wohnung und bat die Hauswirtin, etwas sorgfältiger zu dem großen Kind zu sehen; auch schrieb sie mit seinem Einverständnis an die Stiftung in Basel um eine neue Ausstattung für ihn, nahm ihm, als die neuen Kleider angelangt waren, die alten weg und freute sich, mit ihm wieder unter die Menschen treten zu dürfen.

In der Familie Wasmer stand es wie früher. Der lebensfrohe Mann, dem es sonst nicht an freundlicher Rücksicht gebrach, verbarg es kaum mehr, daß er den Tod seines Weibes herbeisehnte, und mit dem erhöhten Spürsinn der Sterbenden wußte die Dahinsiechende um die Stimmung des Gatten. Im letzten großen Seelenschmerz suchte sie Trost bei Nick. Ohne sprechen zu dürfen, stand der Gast des Hauses zwischen Mann und Weib. Ja, eines Tages fühlte Nick, daß sie das Vertrauen der Kranken nicht mehr besaß, daß die fieberglänzenden Augen in unausgesprochenem Verdacht, in brennender Eifersucht und in ohnmächtigem Haß, je länger desto stärker, auf ihr ruhten.

Sie wußte sich unschuldig, war aber von der Wesenswandlung der Kranken doch schwer betroffen. Auf einmal verstand sie den Sinn des geheimnisvollen Lächelns, der verblümten Anspielungen und der Gefälligkeiten Wasmers, und ihre innere Stimme gab der Leidenden völlig Recht: er rechnete darauf, wenn die Kranke erst gestorben sein würde, Nick zu heiraten.

Ein herzlicher Zorn auf den treulosen Mann kam über sie. Wie eine Schande für sich selbst empfand sie seine Gedanken, überhaupt als ein abgründiges Vergehen an Ehre, Gewissen und dem, was einem Menschen heilig sein soll.

Ein kleines Ereignis machte der heiklen Lage ein Ende. Hiob, der Junge, der sonst wie an einer älteren Schwester an ihr hing, benahm sich auffällig abweisend gegen Nick. Nach dem Abendbrot kam es zwischen ihnen zu einer kleinen Auseinandersetzung. Da stampfte der Junge mit dem Fuß: »Ich folge Ihnen nicht mehr, Fräulein. Sie sind schlecht!« Zuerst erschrak sie über die Beleidigung, dann ging sie auf den Jungen los und faßte ihn kräftig an beiden Ohren, wie sie es im Scherz oft, im Ernst noch nie getan hatte. »Was sagst du?« Der Knabe schrie erbärmlich auf, wiederholte aber: »Sie sind schlecht, weil Sie meine zweite Mutter werden wollen! Ich weiß es.« Da ließ Nick ihn los. »Wer lügt so?«

Der Streit aber hatte die strohhalmschwache Frau herbeigelockt, die sich mit den abgezehrten Händen an der Wand entlang tastete. Der Anblick der Schwerkranken gab der zornbebenden Nick die Fassung wieder. Mit unheimlicher Ruhe sagte sie: »An dem, was mir Hiob vorgeworfen hat, ist kein wahres Wort. Ich würde mich in die Erde hinein schämen, wenn auch nur ein Funke daran wäre. Diese Beruhigung kann ich Ihnen geben, Frau Wasmer. Ich danke Ihnen für alles Liebe, das Sie mir erwiesen haben, aber ich verlasse sofort das Haus und das Geschäft. Möge Ihnen das den Frieden geben!«

»Fräulein Nick!« kam es tonlos von den Lippen der Kranken. Sie wollte weiter sprechen, konnte es aber nicht. Und Nick trug das Häuflein flackernden Lebens auf das Schmerzenslager zurück.

Dann packte sie ihre Sachen und schickte sich an, die Wohnung zu verlassen. Auf der Treppe jedoch begann sie herzzerbrechend zu weinen, setzte sich auf eine der untersten Stufen, und das Gesicht mit den Händen bedeckend ließ sie ihrem wilden Schmerz den Lauf.

Da gingen Schlüssel und Klinke der Haustür, Wasmer kam heim. Sie schoß auf und floh an ihm vorbei hinaus in die Nacht. Sein verwunderter Ruf scholl ihr nach: »Fräulein Tappoli! – Nick! – Um Himmels willen, was ist denn los?« Sie aber lief. Zum Glück war es noch nicht spät, und nach einigem Umherirren fand sie wieder Unterkunft bei der Frau Gugolz. »Mir war doch, Sie kämen zurück,« lächelte die Alte. »Ich habe deswegen nie recht Lust gehabt, das Zimmer wieder zu vermieten.«