Am Morgen setzte sich Nick eben mit wehem Kopfe hin, um ihrem Geschäftsherrn einen Brief zu schreiben. Da kam einer seiner Ausläufer und rief sie zu ihm. Wohl oder übel trat sie den schweren Gang an und traf ihn allein auf dem Kontor. Er empfing sie mit verlegener Feierlichkeit.

»Es ist schief gegangen, Fräulein Tappoli,« begann er. »Es sind Dinge an den Tag gekommen, die ich noch lange für mich behalten wollte, und ich muß alle Schuld auf mich nehmen. Meine Frau hat mir eine Falle gelegt. Sie selber sprach von Ihnen, als wäre es ihr Wunsch, daß Sie ihre Nachfolgerin werden sollten. Ihre und meine Gedanken schienen sich zu treffen. Da wandte sich ihr Sinn, – die glühende Eifersucht kam zum Ausbruch. Aber, Fräulein Tappoli …«

»Kein Wort mehr!« rief Nick. »Ich kann nur das eine erwidern: Nie – nie – nie!«

»Fräulein,« bat er dringlich, »überlegen Sie sich die Sache doch noch einmal zu Ihrem eigenen Vorteil. Wie viel kann ich Ihnen bieten! Sie Idealistin gehören in ein sicheres Haus, aber nicht hinaus auf den Markt. Da werden Wesen Ihrer Art mit der gleichen Kaltblütigkeit wie Hasenfelle verkauft.«

Nick unterbrach den Faden seiner Rede. »Wir haben uns nichts mehr zu sagen, Herr Wasmer. Lassen Sie mich in Frieden gehn!« Mit einer raschen Wendung verließ sie das Kontor. Eine Stunde später schickte er ihr den Lohn, dazu ein Zeugnis, dessen überreichliches Lob sein schlechtes Gewissen verriet.

Zu gewöhnlichen Zeiten hätte ihr weiteres Fortkommen ihr nicht viel Sorge bereitet, aber gerade jetzt schlich durch den Hochsommer der Stadt ein unheimliches Gespenst. Die Cholera war von einem Durchreisenden aus Rom im Gasthaus zum »Schwarzen Weggen« eingeschleppt worden, und nun ereigneten sich da und dort Fälle. Man sprach davon, wenn sie sich weiter ausbreite, würden viele Läden schließen.

Auch ein anderes beunruhigte Nick. Sie war der Ansicht gewesen, Glorian Rollenbuz sei ein bescheidener Verehrer, der es nie wagen würde, das Wort »Liebe« auszusprechen. Nun erhielt sie von ihm aber einen brieflichen Eheantrag, der mit unverständlichen Stellen aus römischen und griechischen Klassikern belegt war und einen langen Beweis enthielt, daß er für das Gedeihen seines Lebenswerkes der Mithilfe eines sich um ihn sorgenden Weibes bedürfe. Wie ihm nun antworten, daß ihre Empfindung für ihn nur eine freundschaftliche Gesinnung sei, aber nicht die Liebe, die für den gemeinsamen Gang durchs Leben ausreiche?

Sie wurde des unangenehmen Briefes enthoben. Glorian kam selber die schmale Treppe zu ihr emporgestiegen – nicht aus eigenem Mannesmut, sondern angetrieben von einer großen, bei aller Magerkeit starkgebauten Dame, die dem armen, sonst immer frierenden Menschen den Angstschweiß ins Gesicht jagte. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis sich die Drei im Stübchen zurechtgefunden hatten: das knochige Frauenwesen im Riesenblumenhut mit weitausgespanntem Reifrock, einem Reisetäschchen aus orientalisch gemustertem Stoff und fransengeschmücktem Sonnenschirm, die Armsündergestalt Glorians, der sich tief in die Ecke stellte, und Nick selbst, die nicht wußte, was werden sollte. Doch zuckte ihr durch den Kopf, der Unglücksmensch habe wohl den Angehörigen in Basel seine Heiratspläne verraten und die Dame mit der unheimlich großen, langen Nase sei gekommen, um sich als seine Verwandte mit ihr auseinanderzusetzen.

Leibhaftige Schwester Glorians sogar war Fräulein Rollenbuz! Nachdem sie das schwer betont hatte, versetzte sie in großer sittlicher Entrüstung: »Und Sie sind also das verdorbene Wesen, das seine Fangnetze nach meinem unschuldigen Bruder auswirft, das ihn mit unchristlichem, ja teuflischem Blendwerk aus seiner bisher makellosen Lebenslaufbahn herausreißen und in den Pfuhl eines sündhaften Wandels hinabziehen will!«

Zornglühend erhob sich Nick, um sich zu rechtfertigen. Aber bevor sie zu Wort kam, war Fräulein Rollenbuz im rauschenden Seidenrock emporgeschnellt, und mit langausgestreckten Armen kreischte sie: »Ich bin die Ältere, ich habe das Wort! Sie mögen mit Ihren gleißnerischen Wegleugnungen warten, bis ich gesprochen habe!«