Auch der zitternde Glorian machte einen Versuch, den Mund zu öffnen. »Henriette,« flehte er die Schwester an. Sie aber stieg wie eine Rakete über ihn. »Bruder, du verirrtes Schaf, statt in deiner halsstarrigen Betörung zu verbleiben, knie nieder und danke Gott, daß du noch eine liebe Schwester hast, die deine Unerfahrenheit gegen solche Fallstricke schützt und schirmt. Vor allem aber dulde ich von dir keine Unterbrechung der wohldurchdachten Worte, die ich nun sprechen will.« Da schaute er erbarmungswürdig und gebrochen zu seiner Angebeteten hinüber.
Jeder Versuch Nicks, selber in die Angelegenheit einzugreifen, wurde von dem eckigen Fräulein mit empörten Handbewegungen im Nu erstickt. »Welch ein Mangel an Erziehung, eine lebenserfahrene Dame berichtigen zu wollen! Das wagt doch nur eine ungeschliffene Zürcherin und fällt bei Ihnen um so schwerer in Betracht, als Sie aus einem Pfarrhaus stammen. Wo sind die duftenden Blüten, die fromme Elternliebe Ihnen ins Herz gepflanzt hat? Versengt von der bösen Stadt Zürich, die in Basel keines guten Rufes genießt! Die Untugend wohnt an der Limmat. Sie selber sind zu einer Dienerin der Hoffart hinabgesunken. Standen Sie nicht in einem Laden, in dem Damenhemden mit durchbrochenen Einsätzen und roten Bändchen verkauft wurden?«
»Herrgott, die Baslerinnen werden auch nicht in Sack und Asche gehen!« rief Nick, welche die Predigt des Fräuleins allmählich lächerlich fand.
Schon schwebten aber die Hände der Henriette Rollenbuz wieder beschwörend über ihr. »Wir sprechen nicht von unserm tugendreichen Basel, sondern von Ihnen, der Pfarrerstochter, die sich heruntergelassen hat, unchristlich gewordenen Mädchen und Frauen diejenigen Gegenstände zu verkaufen, welche die Blicke gottloser Männer mit Wollust erfüllen. Daß Sie sich dabei selber in Leichtfertigkeit verstrickt haben, ist mir nicht verwunderlich; es erscheint mir aber doch als eine besondere Bosheit von Ihnen, daß Sie die Hände nach meinem bisher tadellosen Bruder ausstreckten. Indessen wird Ihnen der Anschlag nicht gelingen: meine schwesterliche Liebe durchschneidet Ihre Netze, sie führt Glorian in die Obhut seiner Familie nach Basel zurück.«
»Und rettet ihn vor der Cholera!« rief Nick, deren Zorn einem blühenden Mutwillen gewichen war. Jetzt hob das Fräulein ihre Arme nicht mehr beschwörend empor. Ihre Gestalt steifte sich krampfhaft, ihr Wort brach ab, schreckensbleich saß sie mit offenem Munde da.
Nick aber fuhr ein Übermut in die Seele, daß sie sich selber nicht mehr begriff. Möglichst weit von ihrer Gegnerin entfernt stellte sie sich in die Ecke, stemmte die Daumen in die Ohren, fächerte mit den Fingern, riß die dunklen Augen groß auf und das Gesicht zu einer Fratze. So lief sie auf die Erstarrte los, nahm ein Stück ihres Kleides, blies es an und rief: »Sie, Unglückliche, spüren Sie es nicht? Ich selber bin die Cholera!« Ein erstickter Schrei – und ohne sich mehr nach Glorian umzusehen, riß Henriette Rollenbuz Schirm und Tasche zusammen. Treppab war sie verschwunden, und schlotternd folgte ihr Glorian. »Viel Glück in Basel!« rief ihm Nick die Treppe hinunter nach und schlug die Hände über dem Kopf zusammen: »Mein Gott, ist das eine verrückte Welt!«
Am Nachmittag noch zitterte ihr das Erlebnis mit Glorian und seiner Schwester als etwas Unbegreifliches durch die Sinne. Ihrer Freiheit froh, lief sie planlos hinaus vor die Stadt, lief und stieg von Menschen unbehindert, bis sie auf dem Gipfel des Ütlibergs stand. Dort begann sie in die Einsamkeit hinaus ein Lied zu singen, und was ihr noch schwer in der Seele gelegen hatte, rollte mit den Tönen davon.
Der Tag war dunstig, die Aussicht verschwommen, gegen Abend aber hellte sich das Land zu herrlicher Klarheit, warm lag es in der sich neigenden Sonne: Stadt, See, Täler, Dorfschaften, grüne und weiße Berge, durch das milde Licht wunderbar miteinander verbunden. Welcher Friede!
Dort unten in der schimmernden Stadt aber wanden sich die Menschen in der Seuchenfurcht, dort kroch in hunderterlei Gestalten das Elend, der Wahn der menschlichen Leidenschaften. Nick brauchte nur an die abgezehrte Frau zu denken, die ungeliebt der Grube zuwankte, an den herzensrohen Mann, der sich schon zu Lebzeiten der Gattin das künftige Weib auslas, der sich einbildete, sie, Nick, müsse es sein, und dafür keine Anspruchsmittel als seine Wohlhabenheit besaß. Im Traum war ihr nie der Gedanke gekommen, ihr Dasein mit dem Wasmers zu vereinigen. Noch wahnsinniger aber erschien ihr die Vorstellung der Fräulein Rollenbuz, daß sie ihren Bruder für sich einfangen wolle. Diese Menschen hatten ja keine Ahnung, wie es in einer jungen Mädchenseele aussah. Auch quälte sie sich an dem Wort Wasmers: »Sie Idealistin, gehören in ein sicheres Haus, aber nicht hinaus auf den Markt. Da werden Wesen wie Sie mit der gleichen Kaltblütigkeit wie Hasenfelle verkauft.«
Der Ausspruch war für sie eine furchtbare Beleidigung. Sie fühlte sich stark genug, ihr Brot in Ehren zu verdienen, aber die beiden häßlichen Erfahrungen, die ihre letzten Tage bewegt hatten, gaben ihr doch die Erkenntnis, daß sie bisher das Leben nicht dunkel genug betrachtet hatte, daß es viel trauriger war, gemeiner und grausamer, als sie sich's je hatte vorstellen können. In ihr Herz schlich sich die Furcht vor Gefahren, die sie nicht kannte. Lebhafter als sonst spürte sie das weibliche Anlehnungs- und Schutzbedürfnis. Daraus stieg die Erinnerung an Ulrich Junghans, den Freien, Starken, der wie kein anderer ein Weib zu schirmen berufen war. Sie begriff sich selber nicht, daß sie ihm nicht längst den versprochenen Brief geschrieben hatte. Jetzt wollte sie es tun! In ihrem Kopfe war das Schriftstück schon im Werden. Eine große Ruhe überkam sie. Der Frieden ihrer Seele stand im Einklang mit der Einsamkeit der abendlichen Natur und ließ sie in der daherwallenden Dämmerung ohne Angst den Waldweg hinab in die Wiesen und Felder und hinüber in den Lichtdunst der Stadt schreiten. Sie freute sich, daß der Ausflug für ihr inneres Besinnen nicht umsonst gewesen war, schrieb den Brief aber doch nicht mehr, sondern überließ sich dem frühen, tiefen Schlaf der Jugend.