Die Uhr ging wohl schon gegen Mitternacht. Da wurde sie von Frau Gugolz geweckt: »Fräulein Tappoli, schon zweimal ging die Klingel. Ich weiß nicht: will jemand etwas von mir oder von Ihnen? Es ist so unheimlich in der Cholerazeit!« Wieder ging schwach die Glocke, aber aus dem Fenster war niemand auf der durch eine Gaslaterne erhellten Gasse zu entdecken, und auf eine Anfrage, wer unten sei, kam keine Antwort zurück. Wieder aber regte sich die Klingel. Da holte die Alte ihre Pfefferbüchse und stattete Nick wie sich selber mit einer Hand voll Gewürz aus, um es dem Bösewicht ins Gesicht zu werfen, der vielleicht drunten stand. Mit einer Kerze tasteten sie die Treppe hinab, Nick als die Mutigere voran. »Gott, Sie sind es, Frau Wasmer!« schrie sie leise auf und schickte Frau Gugolz wieder in die Wohnung empor.

Am Hauseingang lehnte kraftlos die Todkranke. Sie nahm Nicks Hand in ihre beiden. »Ich finde keine Ruhe und kein Sterben, bis Sie mir verziehen haben,« stieg es ihr rauh aus der hohlen Brust. »Ich habe eingesehen, daß mein Verdacht gegen Sie todungerecht war.«

»Ich danke Ihnen,« stotterte Nick, und da Frau Wasmer sich nicht bewegen ließ, zu ihrer Erholung ins Haus zu treten, brachte sie die Schwankende durch die finstere Nacht wieder heim.

Wie ein Spuk kam ihr nachher das seltsame Erlebnis vor. Sie war aber doch tiefglücklich, daß die von Gewissensbissen gequälte Frau vor ihrem Hinscheiden die blind wütende Eifersucht gegen sie aus der Seele getilgt hatte. –

Aus freiem Herzen schrieb sie Ulrich Junghans am andern Morgen den Brief, der die alte Freundschaft wieder anknüpfen und die Liebe reifen sollte.

»Lieber Uli!« lautete er. »Marie, die ich zuweilen sehe, erzählte mir so viel Freundliches von deinem Aufenthalt in der Fremde, daß auch ich oft meine Gedanken zu Dir hinüber wandern lassen muß. Seit ich durch den Tod meines Vaters die schöne Jugendheimat am Rhein verloren habe und hier in der Stadt das Brot selber verdienen muß, sind meine Gedanken recht oft und nicht ohne Heimweh bei Dir. Ich sehe Dich stets noch, wie Du mit Deinen Flügeln in die Dornen fielst, aber auch, wie Du Dir von mir trotzig den Pfänderkuß erzwangst und als kühner Schiffer auf unserm Strom mit Wirbel und Woge fochtest. Leider mußtest Du dann zu dem Eindruck kommen, daß Du mir gleichgültig seiest. Die blitzdumme Antwort, die ich Dir auf Deine Herzensfrage gab, habe ich auf das innigste bereut, schon an dem Morgen, da Du auf die Wanderschaft gingst, und seither immer. Schiebe sie auf den Trotz und Stolz eines jungen Mädchens, das für Liebesfragen erst am Erwachen ist, und auf die große Verwirrung des Augenblicks. Nun war es mir aber eine tiefe Freude und Gewissensberuhigung, aus einem Brief, den Du noch in Nürnberg geschrieben hast und den mir Marie zeigte, zu sehen, daß Du mich doch nicht ganz verwirfst, wie Du nach meinem törichten Benehmen das Recht hättest. Dein Vorsatz, wenn Du einmal aus der Fremde heimkehrst, mit mir doch noch ein ernstes Wort zu reden, hat mir den Mut zu diesem Brief gegeben. – Aber was soll ich Dir schreiben? Nichts weiter, als daß ich Dir noch einen recht schönen Aufenthalt in der Ferne wünsche und daß Du, wenn Deine Zeit um ist, in Gesundheit und Segen in die Heimat zurückkehren und mir die Freude des Wiedersehens bereiten mögest.

Deine getreue Nick.«


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