Der Brief Nick Tappolis hob Ulrich weit über die Sorge des Tages hinaus und gab ihm die völlige Klarheit über seinen künftigen Weg. Wie schöne Gefühle ihn mit Lutz Römer verbanden, – seine echte, ursprüngliche Liebe war und blieb eben doch Nick, und nun sie ihm die Hand reichte, war ihm, sein Glück sei nicht weniger groß und rein als dasjenige Friedrichs. Er sprach aber mit dem von seinen eigenen Plänen Eingenommenen nicht darüber.

Ein Liedchen vor sich hinsummend stand er spät an der Werkbank und überdachte seine Antwort an Nick. Eine Stunde noch, und dann hatte auch er Feierabend. Da trat Appelius auf ihn zu, der noch auf dem Kontor gearbeitet hatte: »Eben sprach ein Bote vor, Sie möchten rasch heimkommen. Ihr Bruder sei ernstlich erkrankt. Es ist sonderbar: der Mann, den ich um fünf Uhr noch so gesund sah. Doch eilen Sie!«

Den Erschreckten trugen die Füße kaum, eine große Bangigkeit schnürte ihm die Brust. Als er den Schlüssel in der Haustüre drehte, kam ihm mit tränenüberströmtem Gesichte Lutz aus dem Flur entgegen, die heimlich auf ihn gewartet hatte.

»Ulrich, es ist etwas Furchtbares geschehen,« erzählte sie ihm und konnte fast nicht sprechen vor Schluchzen. »Friedrich kam etwas früher als sonst heim. Lotte und ich machten mit ihm einen weiten Spaziergang den Rhein entlang und gingen im Rückweg zum Zirkus, um dort das Leben und Treiben zu sehen. Mitten unter den Menschen steht die Tierbändigerin Barensky. Mit einer kleinen Peitsche streicht sie Friedrich den Hut vom Kopf, schlägt sie ihm ins Gesicht und schreit meiner Schwester zu: ›So geht es einem Mann, der lügt!‹ und verschwindet unter den Leuten. Alles im Hui! Friedrich taumelte vor Schreck, sein erstes Wort war: ›Ich bin unschuldig, ich kenne das Weib nicht.‹ Um die ohnmächtige Lotte mühten sich Bekannte. Wir kamen heim, wie weiß ich zwar nicht. Der Vater war noch nicht da, wir schöpften Hoffnung, ihm die Sache verheimlichen zu können; als er kam, hatte er aber schon Wind davon. Friedrich, der sich vor ihm verteidigen wollte, verbot er die Wohnung und jagte ihn davon. Die Verlobung soll gelöst werden. Lotte fällt von einem Krampf in den andern. Nun, Ulrich, ja nicht etwa mit dem Vater zu sprechen versuchen, sondern hinauf zu Friedrich, der am meisten Trost bedarf von uns allen. Gute Nacht! Ich muß jetzt sehen, wie ich in die Wohnung hineinkomme, ohne daß der Vater es merkt!«

Ein zitternder Händedruck, und die leis Schluchzende verschwand.

Leichenblaß lehnte Ulrich an der Mauer. In diesem Augenblicke war ihm nur eines klar: die Barensky hatte Friedrich mit ihm verwechselt, ihm hatte sie den Streich zugedacht.

Als er ins Quartier kam, fand er Friedrich in jämmerlichem Zustand. Der Getroffene saß, Haare und Kleider wirr, auf seinem Koffer und stöhnte in einem fort vor sich hin: »Ich bin unschuldig, ich kenne das Weib nicht!« Die Verwundung war übrigens nicht gefährlich, es handelte sich um einen handlangen, blutunterlaufenen Strich, der sich aus der Stirne quer über die Schläfe nach dem Ohr hinunterzog und bei sorgfältiger Pflege in etlichen Tagen wieder heilen konnte. Viel schlimmer war das innere Leid des Getroffenen über die zu Unrecht erlittene Schmach, das Gefühl eines jäh und unverdient über ihn hereingebrochenen Unglücks.

»Lottchen, du armes Lottchen!« stöhnte er, die Hände ineinander geklammert. »Nein, bei Gott, Römers haben diese Schande nicht verdient. Ich begreife, daß sie nichts mehr von mir wissen wollen – nein, ich begreife es nicht, ich bin unschuldig, das böse Weib ist verrückt. Uli, geh und schlag sie tot!« So klagte und wütete er bis ins Morgengrauen.

Der Bruder pflegte und tröstete ihn nach Vermögen. Als es Zeit gewesen wäre, ins Atelier zu gehen, war er, bis ins Herz erschüttert, selber auch arbeitsunfähig, und in tiefer Erschöpfung verbrachten sie gemeinsam die Stunden.

Als er aus dumpfem Halbschlummer erwachte, rüstete er sich und läutete zaghaft an der Römerschen Wohnung an. Die übernächtige Lutz gab ihm vor Schmerz halberstickten Bescheid: »Der Vater ist aufs Kontor gegangen, es ist vielleicht besser, wenn du ihn dort siehst. Ich habe aber keine Hoffnung, daß es etwas nützt. Er war heute morgen ebenso außer sich wie gestern abend. Wir sind alle krank, der Arzt ist bei Lotte.«