Nun stand Ulrich im Kontor Römers. Der zornige Alte, dem die Ader hoch geschwollen auf der Stirne stand, ließ ihn wenigstens sprechen, und der blasse junge Mann beichtete das Erlebnis, das er auf das Anstiften Szedeskys mit der Barensky in Frankfurt gehabt hatte. Er schloß: »Das ist alles! Daß die Artistin mit mir einen Liebeshandel anfangen wollte, war nicht meine Schuld, und jedenfalls habe ich ihrem Wunsch nach einem Wiedersehn nie nachgegeben. Der Beweis dafür liegt darin, daß sie Friedrich mit mir verwechselt hat. Wenn aber jemand von uns beiden eine Schuld trifft, so bin ich es. Ich bitte Sie also, Herr Römer, die Liebe Friedrichs und Lottes nicht das Opfer des wahnsinnigen Weiberstreiches werden zu lassen. Mein Bruder ist völlig unschuldig!«
Der Alte erhob sich ächzend vom Lederstuhl, das Bekenntnis schien einigen Eindruck auf ihn gemacht zu haben, aber plötzlich wuchs sein Zorn wieder. »Junger Mann,« fuhr er auf, »Sie haben wohl keine Ahnung, wie schwer es mir geworden ist, die Hand meiner Ältesten einem Fremden zu überlassen. Ich tat es bloß, weil ich und meine gesamte Familie eine stille Freude an Ihnen beiden hatten, weil wir uns sagten, so etwas Quellenlauteres wie die beiden hochgeachteten Schweizer gebe es in der Welt nicht wieder. Wie steht es nun aber mit dieser Quellenlauterkeit? – Sie haben eben doch dem Teufel den kleinen Finger gegeben. Und er hat Ihre Hand genommen, allerdings statt der Ihren die Friedrichs. Ich, meine Frau und meine Töchter sind in unserer Familienehre bloßgestellt – unerhört bloßgestellt.«
Sein Zorn wurde ein Keuchen. »Es gibt nur einen Ausweg,« brachte er endlich hervor, »den muß ich im Namen meiner tiefbeleidigten Familie von Ihnen fordern. Ihr Bruder und Sie verlassen die Stadt so schnell wie möglich. Wir sind für Sie tot. Ebenso Sie für uns. Das Geschwätz wird sich dann allmählich von selber verlaufen, und in ein paar Jahren kann Lotte noch mit einem anderen glücklich werden!«
Ulrich fand kein Wort und hätte doch aufschreien mögen vor Weh. »Was stehen Sie noch?« fuhr Römer empor. »Ich habe Ihnen nichts mehr als gute Fahrt zu wünschen!«
Ulrich spürte den Boden unter sich schwanken. Als er zurückkam, hob Friedrich den vom Arzt verbundenen Kopf. »Du brauchst mir nicht zu sagen, wo du warst, noch welchen Bescheid du erhalten hast, – ich lese es aus deinem grauen Gesicht. Wir sind hier im Hause und in Mainz überflüssig.« »Dazu hat Appelius auch noch ein Wort zu sprechen,« versetzte Ulrich schwermütig, »sonst – ja!«
Die Brüder verbrachten den Nachmittag untätig, selten fiel eine abgerissene Bemerkung zwischen ihnen. Jeder rückte von einem Stuhl zum andern, von Koffer zu Koffer, und wenn der eine stöhnte, seufzte auch der andere. Gegen Abend kam die Hauswirtin mit Tränen in den Augen und meldete: »Sie müssen leider ausziehen. Mir wären Sie ja noch lange recht, aber Herr Römer wünscht es!« Da weinte Friedrich leise wie ein Kind. Der Jüngere aber machte sich auf den schweren Weg zu Appelius, erzählte ihm den Sachverhalt, und daß für ihn wie Friedrich des Bleibens in Mainz nicht mehr sei. Es wäre für sie eine große Wohltat, wenn er sie beide sofort entließe.
»Ich habe schon etwas von dem Auftritt gehört,« erwiderte der Geschäftsherr, »und bereits befürchtet, daß Sie mit diesem Anliegen zu mir kommen werden. Nun steht die Sache so, daß ich Ihren Bruder entlassen kann, obgleich er mir fehlen wird. Sie aber auf keinen Fall. Ich bitte Sie, nicht nur die vertragliche Kündigungsfrist innezuhalten, sondern überhaupt zu bleiben, bis ich Ersatz für Sie gefunden habe. Wie schwer das in unserm Beruf ist, wissen Sie wohl, ich rechne aber um so fester auf Ihr Entgegenkommen, als wir uns ja bis dahin gut verstanden haben und Sie bei mir stets der Bevorzugte waren. Wer weiß, vielleicht wird Ihnen Mainz und die Stellung auch wieder lieb. Mir scheint, man nimmt das gestrige ärgerliche Vorkommnis allerseits zu schwer. Daß Ihr Bruder kein Lebemann ist, sieht man ihm aus dem ehrlichen Gesicht. Nur hier in der Stadt könnte das Paar nicht bleiben, wie es der Traum Römers war, der mit mir darüber gesprochen und die besten Absichten für die jungen Leute gehegt hat.«
In Mainz gehalten, in der Stadt, in der er so Schönes und so Fürchterliches erlebt hatte! Es wollte Ulrich nicht in Sinn und Seele hinein. Es war aber für ihn wohl Ehrensache, daß er Appelius nicht im Stiche ließ, und für Friedrich ein Glück, daß wenigstens er, der Erbarmungswürdige, sofort seine Straße ziehen durfte.
Der Bruder, der mit gesenktem Kopf im dunkeln Zimmer saß, nahm in seinem Herzweh die Nachricht seiner Entlassung fast gleichgültig auf. Nach einer Weile aber sagte er: »Die Lutz war auf einen Sprung da – hoffnungslos! Römer hat Lotte sogar schlagen wollen, weil sie auf der Verlobung bestand.« Er starrte, als suche er die Gedanken zusammen, und sah den Bruder plötzlich an: »Was weißt du denn von dem schlechten Weib? Lutz behauptet, du habest dem Vater –« Da unterbrach Ulrich den Bruder und beichtete ihm wie am Morgen Römer.
Eine Viertelstunde blieb Friedrich stumm, dann stöhnte er wie aus einem Traum: »Also du bist an dem gräßlichen Unglück schuld. Wäre es nicht hundertmal klüger und ehrlicher gewesen, du hättest mich rechtzeitig vor der Liebe mit Lotte gewarnt? Was für ein elender Duckmäuser bist du! Du hast Lotte und mich auf dem Gewissen!«