Friedrich gehörte zu jenen Naturen, die nur äußerst selten, dann aber fassungslos wild werden. Sein Schmerz wandelte sich in einen flammenden Zorn auf Ulrich. Aus ihm brauste die Wut, und unter seinen ungezügelten Vorwürfen verlor auch der Jüngere die Beherrschung. Böse Worte flogen hin und her, sie entzweiten sich tief und gründlich.

Da pochte es, die Hauswirtin kam und mahnte zur Ruhe. Ulrich fand sich selber wieder, sah aber, daß jeder Widerstand die Empörung Friedrichs nur reizte. So packte er das Notwendige in das Felleisen, verließ den Wütenden und das Haus und übernachtete in irgendeinem Gasthofe, weit von der bisherigen Wohnung entfernt.

Am Morgen begab er sich zur Arbeit, um elf Uhr kam er mit einem Dienstmann ins Quartier, schnürte den Koffer und rechnete mit der Wirtin ab. Wo aber steckte denn Friedrich? – Da sagte ihm die Frau, daß der Bruder schon um neun Uhr mit seinen Sachen davongegangen sei, er habe von einem Zuge nach der Schweiz gesprochen, der um zehn Uhr abfahre.

Wirr im Kopf und schamvoll schlich der Jüngere die Treppe hinunter und dachte kaum daran, daß er an der Türe der Familie Römer vorübergehe.

Da legte sich eine kleine Hand in die seine. »Lutz!« stammelte er. »Leb wohl, Ulrich!« kam es wie ein bebendes Glöckchen zurück. Sie hob sich auf die Zehenspitzen und gab ihm mit schmerzerfülltem Gesicht einen zärtlichen Kuß. So schied er nicht ohne einen Sonnenstrahl aus dem Haus, und eine Rührung überkam ihn dabei, daß er hätte weinen mögen. Er ging auf den Bahnhof, um sich zu erkundigen, ob Friedrich wirklich abgereist sei. Der Schalterbeamte antwortete: »Ein junger Mann, der Ihnen fast so gleich sieht wie ein Ei dem andern, doch mit einem Hieb über die Schläfe, hat eine Karte nach Basel gelöst.«

Ulrich wandte sich auf die Straße zurück. Ohne Versöhnung, ohne Händedruck und Lebewohl, ein Grollender war Friedrich in die Heimat gefahren. Und sie waren doch bis an die gestrige Nacht gute und getreue Brüder gewesen von Jugend auf. Er hätte mit der Abreise warten und sich mit ihm noch einmal in Ruhe aussprechen sollen. Wie stellte der Geflohene nun die schreckliche Verlobungslösung, den gräßlichen Absturz aus sonniger Höhe in die graue Enttäuschung vor den Eltern dar? Was müßten sie denken, die sich so sehr an ihren Söhnen gefreut und den Besuch einer feinen und lieblichen künftigen Schwiegertochter erwartet hatten? Und was würde Nick darüber hören, die sich gerade jetzt wieder so vertrauensvoll an ihn gewandt hatte? Gewiß verlor sie nun allen Glauben an ihn!

Jeder Gedanke des Verlassenen war ein Kummer. Er versank in einen Dämmerzustand, in dem es ihm gleichgültig war, wie die Tage kamen und gingen. Er hätte sich nicht erinnern können, ob gestern die Sonne schien oder Regen fiel, nicht urteilen, ob er jetzt ein gutes Quartier besaß oder ein schlechtes. Nur seine Arbeit verrichtete er mit starkem Willen. Dann und wann aber stieg aus seiner Niedergeschlagenheit eine wehe Wut, ein abgründiger Drang, die Barensky, die Verderberin so vielen Glücks, aufzusuchen und sie zu züchtigen.

Aus dunkelm Antrieb kam er auf einem Sonntagsabendspaziergang an dem Garten der Familie Römer vorbei, spähte durch die Hecke, sah die blassen Schwestern, die sich über den Beeten ergingen, und erschrak über das Aussehen Lottes. Es war, als habe eine schwere Krankheit ihre Jugendblüte gebrochen. Nun lief er heim und suchte sich den Knotenstock hervor, dessen er sich auf der Wanderschaft bedient hatte. Er schlug damit den Weg nach dem Zirkus ein, und in seinen Sinnen war ihm, es dürfe nicht anders sein, als daß er jetzt die Barensky niederschlage. Da hörte er hinter sich seinen Namen. Als er sich wandte, war es Appelius, der ihn gegrüßt hatte und nun lachend fragte: »Finden Sie es am Sonntag nicht für nötig, Ihren Arbeitgeber zu grüßen?« Er lud den Verwirrten zum Abendbrot in einen Garten ein. Zu welchen Zweck, merkte Ulrich bald. Appelius erhob freundschaftliche Vorstellungen gegen ihn, daß er besser zu seiner Gesundheit sehen möge. »Sie haben eine grüne Gesichtsfarbe, Sie fallen aus den Kleidern. Wenn es mit Ihnen so weiter geht, geraten Sie ins Spital, und ich muß tatsächlich an Ersatz denken.«

Als sich der Geschäftsherr verabschiedet hatte, kam Ulrich selber die Einsicht, daß er im jetzigen Zustand zu schwach sei, die Rachepläne gegen die Verbrecherin auszuführen, und daß ihn Appelius durch seine Dazwischenkunft von einer grenzenlosen Torheit bewahrt habe.

Dann und wann blickte er in den Brief Nick Tappolis. Er erschien ihm wie ein strahlendes Licht aus der Ferne, als der einzige große Halt seines Lebens. Unzählige Male küßte er ihn. Er versuchte ihn zu beantworten, aber jedesmal war ihm das, was er geschrieben hatte, für sie nicht gut genug, seine Anläufe blieben in einem trüben Heimweh stecken, in dem er sich furchtbar nach ihr sehnte, zugleich aber die Ohnmacht spürte, feste Heimkehrpläne zu fassen und sie ihr mitzuteilen. Wie konnte er nach dem schmerzlichen Erlebnis Friedrichs ins Elternhaus treten und sich verantworten? Nein! Die Heimat war ihm verschlossen. Das wurde ihm klarer von Tag zu Tag.