Nach einem friedlichen Ruhestündchen beginne auch ich mein Tagewerk, nämlich mir einen Ueberblick über die Stadt Colombo zu verschaffen. Zunächst habe ich die unverschämten Angriffe der „Führer“ abzuschlagen, die den Fremden als willkommene Beute betrachten und sich an seine Ferse heften, wohin er auch gehen mag.

Es sind kleine gelbe oder lichtbraune Singhalesen, in weissem Schurz, barfuss, mit blauer Uniform-Jacke, den halbkreisförmigen Schildpattkamm in dem üppigen schwarzen Lockenhaar, welches nach hinten bis über die Schultern herabhängt. Ein einziges, einsilbiges Wort genügt: „Po“, d. h. Pack’ dich — zum Glück sowohl in der Sprache der Singhalesen als auch in der der Tamilen.

Dicht am Hafen und vom oberen Stock mit herrlicher Aussicht[305] auf denselben, liegt unser riesiges, weisses Oriental-Hotel[306] mit 125 Zimmern und einem (75×35 Fuss) grossen Speisesaal, umgeben von einer massiven schattigen Veranda, wo vom Morgen bis Abend „Mohren“, d. h. Verkäufer von sogenannten Edelsteinen, Perlen, Ringen, Geschmeiden, Spitzen, Seidenwaaren, Schildkrötarbeiten und Schnitzereien, Lichtbildern und tausend anderen Dingen umherlungern: während Strassengaukler und Schlangenzauberer, Kutscher, Jinrikisha-Männer, Führer nicht hineingelassen werden, sondern in nächster Nähe sich herumtreiben.

Ueber einen freien Platz, vorbei an einem Kiosk, wo die Gesellschaft der Theepflanzer echten, unverfälschten, nach meinem Geschmack vorzüglichen Ceylon-Thee für 15 Cts. (d. h. für 20 Pfennige) die Tasse verabreichen lässt und den Thee selber in Pfund-Verpackung feil[307] bietet, gelangt man zu dem Zollhaus[308] und dem überdachten Landungsplatz,[309] wo den ganzen Tag über ein reger Verkehr herrscht. Boote kommen von den zahlreich im Hafen verankerten Dampfern und gehen zu ihnen. Bootsmänner bieten ihre Dienste an, mehr gezügelt von dem Blick des würdevollen Polizisten, als von der grossen Tafel, welche die Fahrpreise regelt.

Wäscher, Schneider, Geldwechsler, Tabak- und Cigarrenhändler drängen sich zwischen die Fremden oder hocken mit ihrem kleinen Kram in den Ecken.

Ceylon gehört zu Ostasien, Silber[310] ist die Währung. Der Reisende, welcher nur englische Goldstücke (sovereigns) besitzt, allenfalls auch noch einige Silber-Yen aus Japan oder mexicanische Dollar aus Hongkong, verschafft sich hier landesübliche Münze für den ersten Anfang, wenn er nicht vorzieht, an der Kasse des Hotels zu wechseln. Geldeinheit ist die Rupie; dies ist eine alte, ostindische Silbermünze im Werthe von etwa 2 Mark, welche später auch von der ostindischen Compagnie geschlagen wurde und jetzt mit dem Bild der Kaiserin Victoria[311] in den Münzen von britisch Ostindien, nicht aber in Ceylon, geprägt wird.

Durch den Uebergang des deutschen Reiches zur Goldwährung und durch die gesteigerte Silbergewinnung, besonders in den Vereinigten Staaten, ist der Werth des Silbers von 1874–1892 stetig gesunken, so dass die Rupie, als ich in Ceylon landete, kaum 1 Mark 30 Pfennig werth war. Sechzehn der stattlichen Silberstücke erhielt man für den goldnen Sovereign, den die einheimischen Kleinhändler gierig erhandeln. Denn nur das gemünzte Gold liefert den Stoff für die in Ostasien von Weib und Mann so begehrten Schmuckgegenstände; Goldbergwerke, die lohnenden Ertrag liefern, giebt es heutzutage in ganz Ostindien nicht mehr; Goldbarren kann der kleine Goldschmied nicht kaufen. Die weitere Eintheilung der Rupie ist in der Kron-Colonie Ceylon anders und besser, als im Kaiserreich Indien. Seit 1872 ist in Ceylon die Zehntheilung eingeführt. Die halbe Rupie heisst 50 Cents, die Viertel-Rupie 25 Cents.[312] Dies sind funkelnagelneue, ganz kürzlich in Ceylon geprägte Silberstücke, welche auf der Rückseite das Bild der Königin Victoria, auf der Vorderseite den Kokos-Palmbaum, das Wahrzeichen der Insel, und die Werthbezeichnung tragen. Die Kupfermünzen zu 5, 1, ½ Cent erhält der Fremde nur selten; die kleineren weist ihm sogar der Bettler würdevoll zurück.

Seltsam sind die Menschen an dem Landungsplatz, seltsamer noch die Mehrzahl der Boote im Wasser daneben.

Allerdings die Boote der Regierung, der Schiffskapitäne, der Grosskaufleute weichen von dem gewöhnlichen Bilde nicht ab. Ebensowenig die Knirpsdampfer, welche den Verkehr zwischen den riesigen Postdampfern im Hafen und dem Landungsplatz vermitteln und 25 Cents für den Kopf nehmen; oder die Jollen (jolly boats), die zahlreicher und darum leichter zu haben sind und dasselbe nehmen. Aber am zahlreichsten vertreten ist das echte Fahrzeug der Singhalesen, der Auslegerkahn[313]. Ein ausgehöhlter Baumstamm von 15–20 Fuss Länge bildet das flache Boot, durch aufgebundene senkrechte Bretter sind die Seitenwände auf etwa 3 Fuss erhöht, aber der Zwischenraum zwischen den Seitenbrettern ist so schmal, dass ein Erwachsener darin nur sitzen kann, wenn er ein Bein hinter das andere stellt. Von der Mitte der linken Seitenwand des Bootes gehen zwei gekrümmte, gleichlaufende Stäbe aus, an denen der Ausleger befestigt ist, ein dem Boot paralleler Stamm, der flach auf dem Wasser schwimmt und das schmale, gebrechliche Fahrzeug vor dem Kentern schützt.