Sie rudern, setzen auch wohl ein Segel auf; benutzen dies Boot zum Fischen am Strande. Aber Seefahrer sind die Singhalesen nie gewesen.
Kein Eisennagel ist in diesem Boot, die Bretter sind aneinander befestigt mit hölzernen Bolzen und mit Stricken aus Kokosfasern. Das gilt auch für grössere Fahrzeuge, gewiss seit Jahrtausenden, und hat vielleicht mit Veranlassung zu der Sage vom Magnetberg gegeben, der in der Nähe von Ceylon liegen soll. Wir kennen diese Sage allerdings hauptsächlich aus den Märchen von 1001 Nacht; aber sie wird schon von älteren arabischen Geographen (von Edrisi im 12. Jahrhundert n. Chr., von El Caswini im 13. Jahrhundert), auch bereits in einem dem Palladius zugeschriebenen Buch aus byzantinischer Zeit[314] und ferner von älteren chinesischen Schriftstellern erwähnt; ja sogar, in etwas andrer Gestalt, schon von Aristoteles, Plinius, Ptolemäus angedeutet.
Das Katamaran, das Boot der Tamilen, wird ein Europäer nicht ohne Noth benutzen, sondern dasselbe den nackten Tauchern gern überlassen. Der Name bedeutet Holz-Gebinde[315]; das Fahrzeug ist eigentlich ein ganz kleines Floss, welches wohl gegen Ertrinken, aber nicht gegen Durchnässung schützt: es besteht aus drei nicht sehr breiten, sanft gebogenen Brettern, die mit den schmalen Seiten so aneinander gefügt, dass das mittlere nach vorn weiter vorragt, und mit Bast fest verbunden sind. Und diese urwüchsigen Böte haben früher den Postdienst zwischen Ceylon und dem Festland von Indien zu voller Zufriedenheit der Regierung geleistet!
So leer die Rhede von Point de Galle, so voll ist der Hafen von Colombo. Ganz abgesehen von den Handels-Fahrzeugen, Seglern und Dampfern; von den Schiffen, welche den örtlichen Verkehr mit Bombay, Tutikorin, Madras, Calcutta vermitteln; ist Colombo seit 10 Jahren Stelldichein für die grossen Postdampfer, welche von Europa nach Indien (Calcutta), China, Australien fahren. Die englische P. & O. Gesellschaft, die französische der M. M., der norddeutsche Lloyd, der österreichische entfalten hier ihre Flagge; die Liste kann noch vervollständigt werden durch Orient, British India, Star, Ducal Line, Florio-Rubattino, Clan, Glen, City, Ocean, Anchor, Holt’s Line. — Fracht kostet jetzt wegen der reichen Gelegenheit nur die Hälfte des Preises, der noch vor wenigen Jahren gezahlt werden musste.
Nicht weniger als 15286 Reisende sind in Colombo während der ersten vier Monate des Jahres 1892 gelandet. Wenn einer von den riesigen Australien-Dampfern[316] hier Anker wirft, um einen Tag zu verweilen und Kohlen einzunehmen; so ist es, als ob ein Heuschreckenschwarm das Oriental-Hotel befallen hätte. Da sieht man die kühnsten Trachten, hört das lauteste und sonderbarste Englisch und bemerkt ein übermüthiges Völkchen vergröberter Yankees.
Aber alle Vorliebe und Parteinahme der Regierung für Colombo und gegen Point de Galle hätte den gewaltigen Umschwung der Dinge nicht bewirken können, wenn es nicht gelungen wäre, die offene Rhede von Colombo in einen der sichersten und bequemsten Häfen des Ostens umzugestalten. Dazu war ein ungeheures Bauwerk nothwendig, der Wellenbrecher (Breakwater).
Von einer vorspringenden Landzunge erstreckt sich der Bau 3150 Fuss ungefähr nach Norden, biegt dann sanft gegen Osten um, bis zu einer Gesammtlänge von 4212 Fuss, und trägt an seinem Ende einen Leuchtthurm. Der Wellenbrecher besteht aus Cementblöcken von 16–32 Tonnen Gewicht, die auf einem Damm von Granitbruchstein liegen, und ragt 12 Fuss über Nieder-Wasser empor. Auf der Aussenseite spritzt der Gischt in die Höhe, auf der Innenseite ist die See glatt wie ein Spiegel.
500 Acres oder 2 Quadratkilometer misst die Ausdehnung des Hafens; die Hälfte ist 27 bis 40 Fuss tief und mit 26 Befestigungsboyen für die grössten Schiffe (von mehr als 25 Fuss Tiefgang) ausgestattet. Zehn Jahre hat der Bau des Werks gedauert, von 1875 bis 1885, wie die den Blöcken eingemeisselten Inschriften besagen. Wie gewöhnlich in den englischen Colonien wurden Strafgefangene zum Bau verwendet. Die Kosten betrugen 8500000 Rupien oder 705207 £. Seit 1882, wo der Wellenbrecher schon anfing, einigen Schutz zu gewähren, ist der Tonnengehalt des Schiffsverkehrs von 1700000 auf 5 Millionen gestiegen. Die Hafen-Einnahmen betrugen im Jahre 1888 ungefähr 1⁄10 der Kosten des Hafenbaues, nämlich 67000 £. Ein Nordwestarm, um den Hafen bis auf eine schmale, aber genügende Einfahrt zu schliessen und ein Trockendock herzustellen, ist schon lange geplant und wird, nachdem der Widerstand der Regierung gebrochen ist, in dem laufenden Jahre in Angriff genommen werden.
Während ich mir den Wellenbrecher genau auf seinen praktischen Zweck hin betrachtete, las ich im Führer von Colombo, dass er auch bei gutem Wetter des Abends einen höchst angenehmen Spazierweg für die vornehme Welt darstelle. Pünktlich stellte ich mich am nächsten Abend ein. Das Wetter war herrlich, die Aussicht auf das Meer und die untergehende Sonne entzückend. Ich war aber ganz allein, wie schon öfters auf den berühmten Spazierwegen der Reisebücher, — nur zahlreiche eilfertige Krabben kreuzten meinen Weg, um im Hafen reichere Beute zu finden.