Danach tritt die tropische Mittagshitze in ihre Rechte. Ich verfüge mich nach Hause, nehme ein kühles Bad und verbringe einige Stunden auf dem Zimmer in ruhiger Beschaulichkeit. Da ich bei Tage nicht gern schlafe, hilft mir eine indische Cigarre (cheeroot) und ortsangemessener Lesestoff, die Zeit zu vertreiben. Um 4 Uhr wollten wir ausfahren. Da ich aber einmal zu den ungeduldigen und wissbegierigen Reisenden gehöre, so bin ich schon um 3 Uhr wieder unten in der Veranda.
Sofort hat mich einer der wandernden Gaukler und Schlangenzauberer[318] erspäht, durch Wort und Geberden seinen Dienst angeboten und beginnt sein Werk. Er kauert nieder; aus einem flachen, runden Deckelkorb nimmt er die Brillenschlange[319] und spielt auf einer kleinen Sack-Flöte eintönige Weisen; die Schlange bäumt und bläht sich und zeigt uns die an der Rückenfläche des geblähten Halses befindliche Brillen-Zeichnung. Dann ärgert er sie auch durch einen Schlag, dass sie wüthend aufzischt. Die Ansichten sind getheilt, ob der Schlange die beiden Giftzähne aus dem Oberkiefer ausgezogen worden, oder ob sie vor der Schaustellung ihren Giftvorrath in einen vorgehaltenen Lappen hat verspritzen müssen, oder ob der Gaukler einfach die Lebensgewohnheiten und namentlich die Furchtsamkeit des Thieres kennt und kühn benutzt. Immerhin soll ein nicht ganz unbeträchtlicher Theil der Schlangenbändiger gelegentlich dem Biss zum Opfer fallen. (Sind sie gebissen, so binden sie den Schlangenstein auf, der aus gebranntem Knochen besteht, fest sich ansaugt und wie ein Schröpfkopf wirkt.) Den Kampf des wieselartigen Mango-Thieres (Herpestes vitticollis, Ichneumon) mit der Schlange zeigen die Hindu-Gaukler in Ostindien, aber nicht die Tamilen in Ceylon, wo der alte Schlangendienst der Ureinwohner (Naga) noch deutliche Spuren bis zum heutigen Tage hinterlassen: die Brillenschlange, deren man sich entledigen will, wird nicht getödtet, sondern in einen Korb eingeschlossen und in den Fluss geworfen.
Das zweite Hauptstück der ceylonischen Künstler ist das Wachsen des Mangobaumes, unter vielen Förmlichkeiten wird ein Häufchen Erde auf den Boden gelegt, benetzt, mit einem Korb bedeckt, wieder benetzt und bezaubert; und vor unseren Augen erhebt sich und wächst aus dem Sand eine kleine Staude mit mehreren grünen Blättern. Der Zuschauer sieht nicht, wie sie es machen: ob sie die getrocknete, quellungsfähige Pflanze mitbringen und gleich in dem Sandhaufen bergen oder mehrere Pflanzen bei sich haben und geschickt mit einander vertauschen.
Natürlich zieht das Schauspiel immer einige Gäste an, die es noch nicht oder noch nicht oft gesehen hatten. Es scheint immer ziemlich in derselben Weise gemacht zu werden. Zum Schluss kommt der Künstler mit der Schlange in der einen Hand und dem Korb in der andern, um einige Münzen einzusammeln; er kann von der halbstündigen Thätigkeit den Tag über leben, wenn ihm einer 25 Cts. giebt.
Unter den Gästen der Veranda erscheint auch ein alter Herr im Fez und grauem Vollbart; es ist Arabi Pascha aus Aegypten, den die Engländer nach Colombo verbannt haben und der mit der alten, mohammedanischen Sage sich trösten kann, dass auch Adam und Eva, als sie aus dem Paradiese vertrieben worden, die schöne Insel Serendib zum Trost und zum Ersatz erhalten haben.
Um 4 Uhr miethe ich mit dem Capitän und einem andern Herrn einen Einspänner, natürlich mit einem Pferde; 2 Rupien beträgt der Fahrpreis für den Nachmittag. (Die Ochsendroschken[320] der Einheimischen kosten für den ganzen Tag 1 Rupie 78 Cts.; die Jinrikisha, die erst seit 1884 eingeführt sind, 12½ Cts. für die einfache Fahrt im Fort.) Wir fahren los. Wie in Neapel jeder Droschkenkutscher den Fremden nach Pompeji fahren will, in Palermo nach Monreal; so fährt uns der Kutscher in Colombo, wir mögen wollen oder nicht, zunächst nach den Zimmtgärten (Cinamom gardens).
Vom Hotel aus fahren wir zunächst westlich nach der an das Europäer-Viertel (Fort) grenzenden Eingeborenen-Stadt (Pettah, d. h. schwarze Stadt,) die von der Seeseite aus mit ihrem dichten Kokospalmenwald und den niedrigen Hütten malerischer aussieht und angenehmer erscheint, als wenn man mitten hindurch sich bewegt. Zur linken, am Ufer, sind die ungeheuren Kohlenlager, die 100000 Tonnen fassen; zur rechten ein Lotos-Teich, der allerdings zur Zeit, da die Blumen fehlen, des Eindrucks entbehrt.
Dann kommt der Trödelmarkt, der eigentliche Anfang von Pettah, mit einem unbeschreiblichen Gewühl von grossen und kleinen, helleren und dunkleren Menschen, Früchte-Händlern und Käufern und „gemischten Waarenhandlungen“. Sehr schlecht stimmt zu dem südostasiatischen Bilde der europäische Brunnen (Municipal Fountain), welchen die getreuen Unterthanen der Königin Victoria zu ihrer Jubelfeier (1887) gestiftet. Ueberhaupt ist der englische Baustil im Osten verunglückt
Durch die Hauptstrasse (Main-Street) von Pettah, den Sitz der mohrischen und indischen Reis-, Stoff- und Kunsthändler, geht es vorwärts, bis eine ungeheure Ansammlung von reisbeladenen Ochsenwagen unsere Fahrt hemmt. Die Asiaten haben unendliche Zeit und Geduld und kümmern sich nicht um die vereinzelten Europäer, bis diesen der Geduldsfaden reisst und sie selber Hand anlegen, um freie Bahn zu schaffen. In dieser Gegend liegt erstens ein Hindu-Tempel,[321] ein kleiner Bau mit ungeheurem Dach, auf dem ein unangenehmes Gewühl von tausend kleinen elephantenköpfigen und vielarmigen Gottheiten und von menschlichen Figuren in vollem Relief, wie ein Maskenball von Schornsteinfeger-Jungen, herum krabbelt; und zweitens noch ein vereinzeltes Andenken an die holländische Zeit, ein alter Glockenthurm, der noch heute benutzt wird für die (1746 erbaute) Wolvendal-Kirche der Reformirten.