Der Kelani- (oder Kalany) Fluss hat eine Länge von 157 km und ein Gebiet von 2250 qkm, ist also der zweitgrösste der Insel. (Nächst dem Mahaweli Ganga.) Nach einer kurzen Fahrt (von 3½ km) längs des rechten Ufers erreicht man den malerisch am Fluss gelegenen Tempel. Der letztere wurde bereits 306 vor Chr. begründet, später von plündernden Tamilen zerstört und ist in seiner jetzigen Gestalt nicht über 200 Jahre alt. Er gilt für hochheilig, sein Besuch für ein verdienstliches Werk.
Das Hauptfest (im Mai) dauert vier Wochen und zieht viele Tausende von Pilgern an, die nicht nur Blumen und Früchte, sondern auch Geld opfern. Letzteres nimmt man auch von Andersgläubigen.
Man führt uns stracks vor den Oberpriester, ein eisgraues, freundliches Männchen. Auf einem Tisch lag eine stattliche Sammlung grosser Silbermünzen aller Art; darunter waren auch alte Stücke europäischer Prägung, holländische, schwedische u. dgl. Sofort wird uns erklärt, dass der heilige Mann das Geld verachte; aber, wenn man Silber opfere, sehr schöne, kleine Dagoba (Reliquien-Thürmchen) daraus anfertigen lasse, wie solche in den Glasschränken an den Wänden zu sehen waren. Der Wink war verständlich; ich löste mich mit einer Rupie aus.
Nunmehr bekam ich auch Buddha zu sehen. Die Bildsäule ist 36 Fuss lang. Der Heilige ist hellgelb angestrichen und liegt auf seiner rechten Seite, bereit, in Nirwana einzugehen. Höchst seltsame Wandgemälde sieht man im Innern des Tempels; sie sind eigentlich praehistorisch, denn sie stellen Gautuma’s Schicksale in seinen früheren Leben dar, deren es offenbar viele gegeben haben muss. Zum Beweis der Thatsache, dass unter dem Einfluss der siegreichen Tamilen in Ceylon die Buddha-Lehre mit dem Hindu-Dienst sich vermischt hat, findet man in demselben Tempel die Bilder der Hindu-Götter Vishnu, Shiva und Ganesa.[330]
In dem Garten steht ein heiliger Feigenbaum von riesigem Umfang. Zahlreiche Priester lungern umher nach Trinkgeld.
Einen zweiten Ausflug, nach Mount Lavinia, machten wir mit dem Bruder des Consul. Wir benutzten die Südbahn, welche in 25 Minuten die Strecke von 5,5 km (mit zahlreichen Haltestellen) zurücklegt. Die Bahn fährt, dicht am Meere, vorbei an den Wohnsitzen der Wohlhabenden mit prachtvollen Blüthenbäumen in den Gärten, durch dichten, herrlichen, schattigen Kokospalmen-Wald.[331] Derselbe ist in grössere, kleinere und kleinste Abschnitte getheilt und wird sehr sorgsam bewirthschaftet. Hier und da sieht man ein Band von Palmen-Blättern um den Stamm gebunden; und überlegt, ob dies etwa die Besteigung erleichtere: bis man erfährt, dass dadurch der betreffende Baum dem Dämon (Yakha) geweiht ist, — oder auch dem Buddha oder dem Vishnu oder der katholischen Kirche. Das Ziel unsrer Fahrt ist ein niedriges Vorgebirge, wo einst der Gouverneur, wenn man dem „Führer“ glauben will, „einen Palast von bemerkenswerther Schönheit im dorischen, jonischen und korinthischen Styl“ erbaut hat. Nach meiner Ansicht ist das Gebäude so geschmacklos, wie irgend möglich; es hat aber eine wundervolle Lage und eine weite Aussicht auf das pfadlose Meer und auf die palmenbekränzten Ufer. Da der Herrscher hier zu weit von dem Sitz der Regierung war, so durfte er das Haus nicht beziehen. Dasselbe ist nach wechselvollen Schicksalen in ein Hotel umgewandelt, wo ein biederer Deutscher (Herr Link) vortreffliche Fische und ausgezeichnete Getränke, sogar Rheinwein, uns zum Frühstück vorsetzen lässt.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich wiederum meinen Landsleuten anempfehlen, unterwegs ihre Staatsangehörigkeit, wo es nöthig scheint, zu betonen und ihre Sprache, wo es angeht, zu sprechen. Nur so kann der Deutsche in der Fremde die ihm gebührende Stellung gewinnen und aufrecht erhalten.
Hier mitten unter Palmen konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mir eine Kokosnuss herunterholen zu lassen. (Ich hätte es nicht gethan, wenn ich damals schon gewusst, dass bei dieser Arbeit in Ceylon jährlich 150 Menschen ihr Leben einbüssen.) Ein Knabe steckt in einen geschlossenen Ring von Palmstrick, denselben spannend wie einen Steigbügel, seine beiden nackten Füsse, so dass sie nicht abwärts gleiten können, umfasst den rauhen astlosen Stamm mit den Knieen und mit den Händen und klimmt in wenigen Minuten empor zu den Früchten des weit über haushohen, schlanken Baumes, bringt eine mittelgrosse Nuss in grüner Schale herab und eröffnet dieselbe, indem er mit einem grossen sichelförmigen Messer die Kuppe abschlägt. Ich trinke ein wenig von dem Saft, der den Binnenraum der dickwandigen, hohlen Nuss ausfüllt und koste von dem Fleisch der letzteren. So poetisch dies dem Europäer vorkommt,[332] — Vorsicht ist geboten, sonst ist Durchfall die Folge. Der Knabe bedankte sich für das Trinkgeld. Wir waren vor der Mittagsgluth wieder zu Hause.
So hatte ich denn das Wesentliche gesehen, was Ceylons Hauptstadt dem Reisenden zu bieten vermag. Meine Erwartungen waren hochgespannt, sie sind aber durch die schöne Wirklichkeit noch übertroffen worden.
Die sanft gebogene, von der Brandung des indischen Weltmeers gepeitschte Küste, ganz und gar besäumt von dichten Kokospalmwäldern; dann der von dem niedrigen Landvorsprung weit in’s Meer hineinragende Wellenbrecher, diesseits desselben der spiegelglatte Hafen mit zahlreichen Dampfern, zahllosen Booten und Ausleger-Kähnen; die stattlichen europäischen Häuser in der ehemaligen Festung und darum wieder ein Palmenwald mit friedlichen Hütten und geräumigen Herrensitzen; auf den Strassen hier drinnen dichtes Gedränge, dort draussen vornehme Stille, europäische Kutschen und asiatische Zebu-Karren; und endlich der interessanteste Gegenstand unsrer Betrachtung, die Menschen, — Alles dies vereinigt sich zu einem ebenso fremdartigen wie stimmungsvollen Bilde, dessen Zauber Niemand sich zu entziehen vermag.