Die Eisenbahn mag ja zunächst zum Vortheil der englischen Pflanzer gebaut sein, sie war auch nur durch die unternehmenden Pflanzer möglich geworden; hat aber auch den Einheimischen grossen Vortheil und Segen gebracht. In 25 Jahren sind 35 Millionen Menschen auf den Eisenbahnen Ceylon’s befördert worden, von denen die ungeheuere Mehrzahl Singhalesen und Tamilen waren. Kandy-Häuptlinge kamen 1867 nach Colombo und erblickten staunend zum ersten Male in ihrem Leben das ungeheure Weltmeer und die gewaltigen Schiffe im Hafen. Die Vorurtheile der Kasten, die in Ceylon zwar nicht so ausgeprägt sind, wie in Ostindien, aber doch immerhin bestehen, werden durch kein Mittel so wirksam ausgeglichen, als wenn auf derselben Holzbank, dicht gedrängt, die verschiedenen Stände mit einander auskommen müssen. Ein Einheimischer muss schon ziemlich reich sein, um die zweite Wagenklasse zu benutzen; in der ersten habe ich auf Ceylon keinen gesehen.

Für die Bequemlichkeit des Reisenden ist ziemlich gut gesorgt. In wenigen Minuten befördert ein Einspänner ihn selber und sein Gepäck nach dem im europäischen Stadtviertel gelegenen Halteplatz. (Fort-Station.)

Eingeborene Bahnbeamte, in stattlichem Dienstrock aus blauem Tuch, aber barfuss, behandeln den Reisenden erster Classe mit unterwürfiger Höflichkeit. Die Fahrkarte nach Kandy kostet 6 Rupien[338] (zweiter Classe 4), Hin- und Rückfahrt 9 (bezw. 6) Rupien.

Mein Koffer wird ungewogen einfach in meinen Wagen geschoben, da 112 Pfund frei sind. Die erste Classe ist nicht sehr besetzt, desto mehr die dritte mit Eingeborenen in den lebhaftesten Trachten. Die Wagen erster Classe sind nicht ganz so gut, wie die deutschen dritter Classe.[339]

Wir fahren um den See herum nach dem Haupt-Halteplatz von Colombo und von da über Maradana-Anschluss,[340] wo reichlich Gelegenheit zur Beobachtung des einheimischen Lebens und Treibens geboten wird, nordöstlich zur Eisenbahnbrücke über den Kelani-Fluss.

Der erste Theil der Fahrt geht durch ebene Gegend, hauptsächlich Reisfelder, die unter sorgfältiger Bebauung stehen oder auch zeitweilig dem Vieh zum Abgrasen überlassen werden. Knietief waten im Wasser die schwarzen Büffel. Wenn sie grasen, sitzt oft eine Krähe auf dem Rücken des Büffels, um ihrerseits Nahrung, d. h. Insecten, zu suchen.

Der Singhalese braucht Büffel und Ochsen jetzt, wie seit uralter Zeit, 1) zum Ziehen des Pfluges, 2) um den Morast zu stampfen, bevor Reis gesäet wird, 3) um das Korn aus den Reisgarben auszutreten.

Das ebene Land ist grün und feucht. Allenthalben sind kleine Seen und Wasserbehälter, unentbehrlich für die Berieselung der Reisfelder. Auf niedrigen Hügeln stehen die einfachen Hütten der Bauern oder Pächter, umgeben von Palmenhainen, in denen die anmuthig gebogenen Kokosbäume mit der schnurgraden und ganz schlanken Areca und der prächtigen Kitul (Zucker-Palme) ein stimmungsvolles Bild liefern, an dessen weiterer Ausschmückung Bananen, Brodfrucht- und Mango-Bäume, sowie Gemüse-Pflanzungen sich betheiligen. Auch die Dorfschule steht weit offen gegen eine Palmenpflanzung.

Reisbau ist auch heutzutage Hauptbeschäftigung der Singhalesen im Südwesten sowie auch der Tamilen im Norden und Osten der Insel. Derselbe gewann einen neuen Aufschwung, als die Engländer anfingen, die künstlichen Seen und Wasserläufe, welche die Singhalesen mit grosser Kunst und Ausdauer in fast 2000jähriger Arbeit vom 6. Jahrhundert v. Chr. bis weit hinein in’s Mittelalter angelegt hatten und die von den Tamilen vernachlässigt, von den Portugiesen theilweise zerstört worden waren, von neuem wieder herzustellen und zu verbessern, wofür von 1867–1890 gegen 9 Millionen Rupien verwendet worden sind. 700000 Acres,[341] also 280000 Hectaren oder 2800 Quadrat-Kilometer, stehen unter Reisbau in Ceylon und 150000 Acres sind mit trocknem Getreide bepflanzt. Aber trotzdem ist die zur Ernährung des Volkes nothwendige Reiseinfuhr gestiegen: sie betrug vor 50 Jahren 650000 Bushel,[342] oder 227500 Hektoliter, jetzt zehn Mal so viel, da die Zahl der Arbeiter in den grossen Kaffe- und Thee-Pflanzungen so erheblich zugenommen.

John Ferguson, der den Vortheil der englischen Pflanzer auf Ceylon zu einseitig vertritt, eifert mit der vollen Heftigkeit eines Partei-Mannes gegen die am 1. Januar 1893 festgesetzte Aufhebung der Reisbau-Steuer (Paddy rent), die bisher 900000 Rupien im Jahre gebracht hat, während das Gesammteinkommen der Colonie Ceylon für das Jahr 1893 auf 17847984 Rupien veranschlagt ist. Aber der gerechtere Menschenfreund kann ihm nicht beistimmen, sondern die Entlastung der armen Bauern nur mit Freuden begrüssen.