Ein breiter Platz mit hübschen Wegen und Gartenanlagen trennt das Gasthaus von dem Tempel des heiligen Zahnes. Die Gebäude von Kandy erfreuen sich keineswegs eines hohen Alters, wegen der häufigen Zerstörungen, welche die Stadt erlitten. Der Tempel muss sogar, wenn ich die Abbildung von Tennent aus der Mitte unsres Jahrhunderts mit dem jetzigen Zustand vergleiche, noch in der letzten Zeit ausgebessert worden sein. Das Gebäude ist nicht gross und besteht aus einem zweistöckigen Hauptflügel mit Bogenhallen und einem dicken, niedrigen Thurm mit achteckigem, säulengetragenem Dach. Das fast europäische Aussehen des Thurmes (sowie auch einzelner Theile des ehemaligen Königspalastes) ist leicht zu erklären aus der Angabe des holländischen Admirals, der 1602 Kandy besucht, dass nämlich der König Whimala Dharma um 1600 seinen Palast und verschiedene Pagoden von kriegsgefangenen Portugiesen hatte erbauen lassen.

Eine niedrige, zinnengekrönte, durchbrochen gearbeitete Mauer, welche älter aussieht, umgiebt den Tempel. Den Zugang bildet ein ebenfalls alterthümliches Steinthor, das gleichzeitig als Brücke über einen Graben dient und eingemeisselte Elephanten und andere Darstellungen enthält. Aber, so bequem der Zugang, der Eintritt wird uns nicht leicht gemacht. Eine Rotte unverschämter Bettler lagert hier, die ihre Gebrechen nicht blos in gebrochenem Englisch ausrufen, sondern auch handgreiflich vorweisen. Gern giebt man wohl Jedem sein Scherflein und bedenkt natürlich zuerst den Blinden. Da er mir aber erklärte, dass sein Gebührensatz höher sei, so drehte ich ihm den Rücken zu und liess auch fernerhin auf den Spazierwegen seinen lauten Ruf „der blinde Mann“ ganz ungehört verschallen.[351]

In der Vorhalle des Tempels ist ein fortlaufender Fries, welcher die grässlichsten Höllenstrafen in recht mittelmässiger Malerei darstellt. Natürlich, die stärkste Häufung der schlimmsten Strafen, die im Zersägen, Zerhacken, Zermalmen u. s. w. bestehen, trifft denjenigen, welcher gegen einen heiligen Priester des Buddha gefrevelt.

Die Bauwerke machen keinen sonderlichen Eindruck. Eine freistehende Kapelle in dem Tempelhof war rings herum mit offenbar ganz neuen Kalkmalereien geschmückt, welche den Thierkreis nach asiatischer Art darstellen sowie Geschichtsbilder in mythischer Auffassung. Der eigentliche Tempel war geschlossen und blieb es auch, trotzdem ich den Priestern ein Geschenk bot. Obwohl es vielfach gedruckt ist, so glaube ich doch nicht, dass sie für 5 Rupien Jedem den heiligen Zahn zeigen.

Aber offen ist der Tempel Morgens ganz früh und Abends um den Sonnenuntergang, wenn die heilige Musik der Flöten, Trommeln und Muschelhörner erschallt und die Gläubigen zur Verehrung ruft. Natürlich war ich zur Stelle, und will nicht verhehlen, dass die feierlichen Gebräuche auf empfängliche Gemüther Eindruck machen können. Eine Flucht von Zimmern ist offen. Lampen brennen hier und da, um das geheimnissvolle Dunkel mehr zu zeigen, als aufzuhellen. Weihrauch duftet, Musik ertönt, Knaben und Mädchen hängen Jedem Blumen-Ketten um, die nachher dem Heiligen geopfert werden. Es sind hauptsächlich die Blüthen der Plumiera (Singhal. Alaria, von den Engländern Tempelbaum genannt), des Jasmin und des wohlriechenden Oleander,[352] welche diesem Zwecke dienen.

Zahlreiche Verehrer und Verehrerinnen sind anwesend. Vorhänge werden von Buddha-Bildsäulen fortgehoben, auch von dem glockenähnlichen, goldenen, edelsteingeschmückten Schrein, der immer kleinere Goldschreine und schliesslich in einer goldnen Lotosblume das Heiligthum dem Blicke der weltlichen Beschauer verbirgt.

In einem, von niedriger Mauer umgebenen, von hohen Kokospalmen und dichtblättrigen Bäumen beschatteten Park, gegenüber dem Tempel, stehen mehrere niedrige weissgetünchte Dagoba, deren eine den hochheiligen Schulterknochen Buddha’s eingemauert enthalten soll, sowie idyllisch gelegene Priesterwohnungen.


Kandy hat eine reizende Lage an dem Ufer eines stattlichen See’s, den der letzte König 1807 ausgraben und mit einer niedrigen, zinnentragenden Umfassung versehen liess, während von allen Seiten gut bewachsene Hügel, von 500–600 Fuss Höhe, das lebhaft grüne Thal einschliessen. Jetzt führt ein wohlgepflegter, über 5 Kilometer langer Weg rings um den See, geschmückt mit prachtvollen Kohl-Palmen und mit einem Park von Rosenbäumen.