An dem Ufer des See’s steht eine öffentliche Büchersammlung für die wissensdurstigen Singhalesen. Von einem Regenguss überrascht, trat ich in ein kleines Haus und war erstaunt, in dem jungen Besitzer einen gebildeten Mann zu finden, der, in Colombo erzogen, hier in mässiger Wohlhabenheit lebt und keinen grösseren Wunsch zu haben schien, als einmal eine Reise nach Europa zu unternehmen. Auf den Abhängen von den Hügeln zum See liegen die Häuser der Wohlhabenden, namentlich der Theepflanzer; auch das von einem Deutschen verwaltete kleine Gasthaus (Villa Florence), von dem ich vorher nichts erfahren.

Neben dem Tempel steht das Landhaus des Gouverneurs und die Wohnungen einiger anderen Würdenträger, dicht dabei sind die spärlichen Reste des alten Königspalastes zu finden. Nachdem die Mauern beseitigt, die Gräben ausgefüllt, neue Gebäude auf dem Platz der Ruinen errichtet sind, kann man aus dem blossen Anblick keine Vorstellung von dem alten Herrschersitze gewinnen. Das einzige Gebäude, das der Zerstörung entgangen, ist die Empfangshalle, ein geräumiger Saal, getragen von reich geschnitzten Teakholzsäulen. Wo eine morsche Säule durch eine neue ersetzt worden, erkennt man den Verfall der einheimischen Kunst.

Hier pflegte einst der unumschränkte Herrscher Nachts auf einem hohen, dunklen Verschlag zu thronen, während die Seitenwände des mit Wachsfackeln erleuchteten Saales von den Reihen der kauernden Höflinge eingenommen wurden; auf allen Vieren und wirklich „den Staub des Erdbodens leckend“ mussten seine Minister und, wer sonst zugelassen war, zum Throne kriechen. Jetzt steht die Halle leer; sie wird als Bezirksgericht verwendet.

Wenige Schritte vom Hotel, und wir sind in der Stadt der Eingeborenen. Die ganzen Vorderseiten der niedrigen Häuser in der Hauptstrasse sind von Läden eingenommen, wo die üblichen Lebens- und Genussmittel, von denen ich schon gesprochen, und die einfachen Geräthschaften feilgeboten werden. Hier und da giebt es auch Lager von Gross-Kaufleuten in Reis, Tabak, Arecanüssen u. dgl. Die Leichtigkeit, mit der Bettler erhalten, was sie wünschen und brauchen, macht uns erklärlich, weshalb die Regierung so gut wie nichts für die Armen-Pflege ausgiebt.

Die grossen, tellerförmigen Hüte der Kandy-Häuptlinge, wie sie auf älteren Abbildungen, neueren Lichtbildern und auch auf den lebensgrossen, bemalten Thonfiguren im Museum zu Colombo sich finden, vermochte ich in den Strassen von Kandy nicht zu entdecken.

Mit dem Einspänner, der allerdings hier in den Bergen etwas theurer ist, als in den Strassen von Colombo, fahre ich über Lady Horton’s und Lady Mc. Carty’s Spazierweg, der um die Hügel sich windet und an deren steil abfallender Ostseite einen wunderbaren Blick über das Thal und das felsige Bett des Mahaweli-Ganga[353] gewährt. Es ist dies der grösste Fluss der Insel, seine Länge misst 270 Kilometer, sein Gebiet umfasst ein Sechstel des Flächeninhalts von Ceylon; er entspringt in einem Thal zwischen Peduru und dem nächsten Rücken des Adams-Pik-Stockes, fliesst erst nordwärts, dann östlich umbiegend in einem Bogen um die Stadt Kandy herum, hierauf wieder nordwärts, um schliesslich bei Trinkomale zu münden.

Auf diesen Spazierfahrten zeigt sich auch gelegentlich ein gutes Stück jungfräulichen Buschwaldes (Dschungel): undurchdringliches Gebüsch, jeder Baum durch Schlinggewächse in eine Laube verwandelt. Alles grün und blumig von unten bis oben.

Am nächsten Nachmittag fuhr ich nach Askyra, auf guter Strasse und über eine ordentliche, eiserne Gitterbrücke, die den Mahaweli überspannt und, wie die meisten Brücken im Innern, von den englischen Pionier-Soldaten erbaut worden ist. Brückenzoll ist zu zahlen. Sehenswürdigkeiten sind die Bildsäule des schlafenden Buddha und — Arbeitselephanten. Ich sah am Flussufer ein mächtiges Thier, das auf Befehl seines Lenkers die bekannten Kunststücke machte. Aber der Mann war mit dem Trinkgeld von 50 Cents nicht zufrieden, indem er behauptete, dass sein Thier 500 £ werth sei.

Da dieser Ort gerade durch seine Arbeitselephanten berühmt ist, wollte ich mehr davon sehen und fuhr weiter über die Brücke zu einem Dorf, spähte allenthalben umher, fragte Engländer, die überhaupt keine Antwort gaben, fragte Einheimische, die, gut gekleidet, die Vermuthung, dass sie englisch verständen, erregten. Einer von diesen antwortete auch und war klüger und witziger, als wir stolzen Europäer voraussetzen, wie ich das schon öfter bei Morgenländern gefunden. „Arbeitselephanten sind hier nicht zu treffen, aber dort drüben am Ufer des Flusses ist einer.“ — „Den habe ich gesehen; der macht nicht viel; das habe ich in meiner Heimath schon besser gesehen.“ — „Wenn du zu Hause so viele und so gute Elephanten sehen kannst, weshalb reisest du so weit über das Meer und kommst nach Askyra, um Elephanten zu besichtigen?“