4) Die Zucker-Palme oder Kitul (Caryota urens).
5) Die herrlichste aller Palmen ist die Talipot oder Schattenpalme (Corypha umbraculifera), deren gerader Stamm 70 und selbst 100 Fuss ansteigt, und deren majestätische Krone aus herabhängenden, fächerförmigen Blättern von 16 Fuss Durchmesser besteht. 30 bis 40 Jahre wächst die Palme und sammelt Kräfte, um dann plötzlich einmal aufzublühen: ein ungeheurer, 20 und selbst 40 Fuss hoher Blüthenstamm schiesst empor; aber nachdem sie tausende von neuen Keimen ausgestreut, ist ihre Kraft erschöpft, ihr Leben erstirbt. Einen blühenden Baum habe ich leider nicht zu Gesicht bekommen.
6) Die Palme des Reisenden[355] (Urania speciosa), gehört gar nicht zu dem Palmengeschlecht, aber zu den schönsten Gewächsen der Erde; die Gesammtheit der mächtigen langgestielten Blätter, deren Wurzeln kunstvoll verflochten sind, stellt einen einzigen ungeheuren Riesenfächer dar.
Von den fremden Palmen, die hier angepflanzt sind, will ich schweigen und nur beiläufig eines herrlichen Ganges von Königspalmen (Oreodoxa, aus der Havannah) gedenken; aber vielleicht ist es angebracht, ein paar Worte zu sagen über die Bedeutung, welche die Palmen für Ceylon besitzen.
Die Kokospalme scheint in Südindien einheimisch zu sein, sie ist aber auch über die tropischen Gegenden von Amerika und Afrika verbreitet. Es giebt kein Land der Erde, wo die Kokospalme besser gedeiht, als auf Ceylon, namentlich in der Südwestgegend der Insel, dem Haupt-Wohnsitz der Singhalesen. Sie liefert fast alle Lebensbedürfnisse und nährt einen grossen Theil der Bevölkerung. Die Rinden-Fasern der Kokosnuss werden verarbeitet zu Garn, Matten, Stricken, Schiffstauen; Kleidungsstücke, Bürsten, Hüte, Matratzen werden daraus bereitet. Der weisse Kern der Nuss liefert Nahrung, die Milch in der Höhlung ein Getränk. Nach Mahawanso hat Dutugaimunu (161 v. Chr.) die Milch der Kokosnuss für den Cement der Ruanwellé-Dagoba verwendet: das ist das älteste Zeugniss über die Anwesenheit der Kokospalme auf Ceylon. Aus dem Kern wird Oel gepresst, und dieses zum Salben, für Seifen und in Lampen benutzt; der Rückstand zu Viehfutter. Die gewöhnlichen Oelpressen der Eingeborenen, die ich zu Colombo sah, werden von Ochsen bewegt; es giebt deren 2000 auf der Insel. Die der Europäer, z. B. des Herrn Freudenberg, werden mit Dampfkraft betrieben; aber auch einzelne wohlhabende Eingeborene haben schon Dampfmaschinen angeschafft. Die getrockneten Kerne (Copra) werden auch zum Zweck der Oelgewinnung nach Europa ausgeführt. Zu Schmarda’s Zeit (1854) galten 1000 Copra 40 Schilling; 1000 Nüsse 60. Die harte Schale der Nuss wird zu Löffeln, Bechern, Lampen verarbeitet, aus dem Abfall feines Kohlenpulver gewonnen. Palmwein erhält man auch von der Kokospalme und bereitet daraus Arrak, Essig und Zucker. Die Blätter dienen zum Decken der Hütten, zum Flechten von Matten, Körben und Hüten, die Stengel zu Stäben und Zäunen; das Holz zum Bau von Möbeln und Häusern, von Böten und Flössen. Die Singhalesen rühmen begeistert die hundert nützlichen Anwendungen der Kokospalme; nach dem Volksglauben muss sie hinsiechen, wenn sie nicht im Bereich der menschlichen Stimme wächst. Das ist auch ganz richtig, da sie sorgsame Pflege erfordert. Sie gedeiht am besten in der Nähe der Meeresküste, auch noch bis zur Höhe von etwa 2000 Fuss, und wird neuerdings sorgfältig in den neubewässerten Gebieten, z. B. in Anuradhapura, angepflanzt. Die Früchte reifen in Ceylon zu jeder Jahreszeit. Jeder tragende Baum liefert jährlich 80 bis 100 Nüsse (8 bis 10 Quart[356] Oel) und bringt etwa einen Thaler jährlich, wie mir Herr Freudenberg mittheilte. Absatz der Erzeugnisse ist immer möglich. Nach Tennents Berechnung waren 1860 an 20 Millionen Kokospalmbäume auf Ceylon vorhanden, jetzt dürften es 30 Millionen sein.[357] Mit Kokospalmen sind auf Ceylon 500000 Acres (oder 200000 ha) bepflanzt, die aber, mit Ausnahme von 30000, den Eingeborenen gehören. 500 Millionen Kokosnüsse werden jährlich auf Ceylon geerntet. (Daraus folgt, dass bei weitem nicht alle Bäume den vollen Ertrag an Nüssen bringen.)
Was für den Süden Ceylons die Kokos-, ist für den Norden die Palmyra-Palme. 40000 Acres sind mit letzterer bepflanzt und liefern 70 Millionen Nüsse, die bedeutend kleiner sind, als die der Kokospalme. Beide Palm-Arten tragen Früchte vom 8. bis 12. Jahre an und sollen 150 bis 300 Jahre alt werden. Die Palmyrapalme liefert ein Viertel der Lebensbedürfnisse für die Bewohner der Nordprovinzen Ceylons. In einem Tamil-Gedicht werden 800 Nutzanwendungen des prachtvollen Baumes beschrieben.
Die Früchte geben Nahrung und Oel, der Saft Palmwein und Zucker, der Stamm Bauholz, die Blätter Bedachung, Sonnenschirme, kleine Zelte, Zäune, Matten, Körbe, Hüte, Fächer und Schreibpapier für die Schriften der Singhalesen.
Zu diesem Zwecke werden die jungen Palmblätter glatt und geschmeidig gemacht, in Streifen (ola) von 2–3 Zoll Breite und 1–3 Fuss Länge geschnitten, mit zwei Löchern durchbohrt, auf einen Faden gezogen und zwischen zwei Holzdeckeln aufgehoben. (Ich sah in Kandy ganz kleine Palm-Bücher, angeblich heiligen Inhalts, die nicht grösser waren, als die Fläche meiner Hand.) Geschrieben wird mit eisernem Griffel; die Furchen der Schrift werden mit einer Aufschwemmung von Kohlenpulver in wohlriechendem Oel sichtbar, gleichzeitig die Blätter dadurch haltbar gemacht, da der Geruch die Ameisen abschreckt. Die heiligen Bücher der Singhalesen sind in Pâli geschrieben, die rein wissenschaftlichen (über Stern-, Rechnen-, Heil-Kunde) in Sanskrit, die schön-wissenschaftlichen, welche hauptsächlich der neueren Zeit angehören, in Elu, das von dem gesprochenen Singhalesisch mehr im Styl als im Bau abweicht.
Das Alphabet stammt aus dem Altindischen. Fast alle singhalesischen Bücher sind in Versen abgefasst.