Binnen zwei Stunden war ich auf dem Gipfel angelangt und hatte dort oben eine herrliche Aussicht auf das friedlich grüne Thal in der Tiefe mit dem kleinen Gregory-See und den schmucken Häusern, aus deren Schornsteinen der Morgen-Rauch emporwirbelte. Rings um das Thal lag dichter Nebel. Von der Ost- und West-Küste[384], vom Adams-Pik sowie von der geographischen Uebersicht eines grossen Theiles der Insel war nichts zu sehen. Bald überzieht der aufsteigende Nebel das ganze Bild; für kurze Zeit dringt die Sonne wieder durch, der Wind jagt den Nebel in Fetzen dicht bei mir vorbei, ich sehe den See, aber nicht lange. So blieb ich hier in völliger Einsamkeit mit summenden Bienen, wie einst auf Cap Sunion in Attika und wie auf Monte Pellegrino in Sicilien, bei dem kopflosen Standbild der heiligen Rosalia. Solche Erinnerungen sind unvergesslich.
In 1½ Stunden stieg ich hinab. Das Frühstück schmeckte vortrefflich, ebenso ein Fläschchen Pilsener Bier[385] und ein Mittagsschläfchen, das ich ausnahmsweise, nach dem Spaziergang in den Tropen, mir gönnte.
Nachmittags fuhr ich im Wagen[386] nach dem botanischen Garten der Regierung, der in Hakkagalla liegt, 6 englische Meilen südöstlich von Nuwara Eliya und 800 Fuss tiefer. Der Weg ist sehr angenehm, für die ersten 2 Meilen führt er längs der Südwestseite des See’s, dann vorbei an der berühmten, 50 Jahre alten Farm von Sir S. Baker und schliesslich bergab durch eine enge waldige, mit prächtigen Baumfarn besetzte Schlucht, die plötzlich vor dem Garten sich erweitert und dem erstaunten Blick die ungeheuren welligen Grasebenen und die fernen Berge der Südprovinz Uva zeigt. Dicht vor uns steht der zweigipflige Hakkagalla, d. h. Unterkiefer-Berg. Im Garten führte mich erst ein singhalesischer Gehilfe, der das Gymnasium durchgemacht, sogar griechisch gelernt, aber über die Ableitung des auf meiner Besuchs-Karte befindlichen Wortes Ophthalmology[387] rathlos grübelte, dann der Director selber, Herr Nock, der mir alles auf das freundlichste zeigte, vor allem die ebenso mächtigen wie anmuthigen Baumfarn,[388] die der Unkundige so leicht für Palmen hält, und mir auseinandersetzte, wie dieser Garten hauptsächlich zu Versuchen bestimmt sei und z. B. für die Einbürgerung des Fieberrindenbaumes in Ceylon das Wichtigste geleistet habe.
An den Wegen fand ich hier besonders reichlich eine kleine Bekannte aus der Studienzeit, d. h. aus dem Jahre 1862, die keusche Mimose,[389] die bei der Berührung ihre Aestchen und Blätter zusammenklappt, deren Bewegungsformen unser Professor du Bois-Reymond in seinen Vorlesungen über Physiologie gründlich zu erörtern pflegt.
Herr Nock nöthigte mich in sein Haus, stellte mir seine Frau vor und die beiden kleineren Kinder, — die grösseren waren natürlich in England zur Erziehung und zur Gesundung; er bewirthete mich mit Bier und mit guten Rathschlägen, indem er mir von dem Besuch der Grasebenen (Horton plains) abrieth und Anuradhapura dringend anempfahl. Auf seinem Tisch lag Ceylon von Ferguson und Häckel’s indische Reisebriefe in englischer Uebersetzung.
Mit Vergnügen erinnerte er sich an den Besuch unsres berühmten Landsmanns, der 1882 hier gewesen;[390] und Jeder wird ihm beipflichten, dem es einmal, wie mir, vergönnt gewesen, den deutschen Darwin in der Musenstadt Jena aufzusuchen. Aber das Buch von Häckel wird merkwürdiger Weise in Ceylon abfällig, ja spöttisch beurtheilt, und zwar ebenso von Deutschen wie von Engländern. Statt die grossen Vorzüge und die bewunderungswürdigen Naturschilderungen anzuerkennen, klammern sie sich, um ihm die Genauigkeit der Beobachtung abzusprechen, an eine Bemerkung, die eigentlich wohl ein Witz sein soll und vielleicht gar nicht ernst gemeint ist,[391] — vom Schlangen-Klein in der Reis-Würze.
„Babua (der Koch) schien zu ahnen, dass für mich als Zoologen alle Thierklassen ein gewisses Interesse darböten, und dass daher auch deren Verwendbarkeit für den Cörry ein wichtiges zoologisches Problem sei. Montags waren die Wirbelthiere durch delicaten Fisch im Cörry vertreten... Sonntags erschien bisweilen auch eine Schlange, die ich für einen Aal hielt.“
Seltsamer Weise spricht auch Hildebrandt (Reise um die Erde, Berlin 1879, I, 44) vom Schlangen-Gericht auf Ceylon.