Eingehauene Stufen und eiserne Ketten, die sehr alt sind, ermöglichen die Ersteigung der letzten, steilsten Partie des Kegels. Auf dem ganz schmalen Gipfel ist über der natürlichen Vertiefung von 1,45 Meter Länge, 0,5 Meter Breite und 0,05 Meter Tiefe, welche durch menschliche Nachhilfe die Gestalt eines Fusstapfens erhalten, eine offene Säulenhalle mit Schutzdach errichtet. Mindestens seit 1000 Jahren wird der Gipfel von Pilgern regelmässig besucht. Die Erhebung beträgt nur 2260 Meter (etwa 7353 englische Fuss) über dem Meeresspiegel; aber die Aussicht gehört zu den grossartigsten der Erde, da nur sehr wenige Berge diesen unbeschränkten Blick bieten. Die beiden Sarrasin hatten das Glück, auf dieser erhabenen Spitze den Sonnenaufgang zu beobachten, der von den Priestern mit Sadu, Sadu, Sadu (d. h. heilig, heilig, heilig) begrüsst wurde, und den ungeheuren Schattenkegel des Adams-Piks auf der Ebene, mit der hellen Stelle an der Spitze, welche die Einheimischen als Buddha’s Strahlen bezeichnen.
Häckel lässt der Aussicht volle Gerechtigkeit widerfahren, möchte aber die vom schneebedeckten Pik von Teneriffa, der fast die doppelte Erhebung über den Meeresspiegel erreicht, doch vorziehen.
In Kandy war eine kleine Schwierigkeit zu überwinden. Kein Zug[395] geht nordwärts nach Matale, dem Ende der Zweigbahn, vor 11 Uhr Nachts. So spät anzukommen, ist nicht räthlich, da dort kein Gast-, sondern nur ein Rasthaus vorhanden. Ich gebe also Koffer und Mantelsack in Verwahrung auf dem Bahnhof, behalte nur eine Reisetasche für die Bedürfnisse eines dreitägigen Ausflugs, frühstücke in dem mir bekannten Gasthaus zu Kandy und miethe vom Wirth einen zweispännigen Wagen nach Matale; lasse mir auch, was in diesen Gegenden nützlich, die Quittung (über 16 Rupien) ausstellen. Zwei Mal unterwegs wird Mauth-Geld von je einer Rupie erhoben.
Der Weg ist sehr schön, das Land angebaut wie ein Garten. Hier sieht man auch viele Cacaopflanzungen. Die beiden Pferde laufen munter.
Matale (Mahataláwe, die grosse Wiese,) wird schon in den alten Chroniken der Singhalesen erwähnt; es liegt 560 Fuss tiefer als Kandy, nämlich 1136 Fuss über dem Meeresspiegel und hat jetzt über 4000 Einwohner.
Hier brachte ich zum ersten Male die Nacht in einem Rast-Haus[396] zu. Obdachhäuser längs der Hauptstrassen, für Reisende und Pilger, sind in Ceylon wie in Indien seit uralten Zeiten von wohlthätigen Leuten erbaut und unterhalten worden. An den öffentlichen Strassen Ceylons hat die jetzige Regierung in Abständen von je 15 englischen Meilen Rasthäuser eingerichtet und ausgestattet, wo die Reisenden zu einem festen und mässigen Satz Aufnahme und Verpflegung finden, allerdings soweit der Platz reicht, und immer nur für einen Tag: danach muss der Erstgekommene, wenn Raummangel eintritt, dem neuen Reisenden Platz machen.
Es ist dies eine äusserst zweckmässige Einrichtung, welche den Europäern überhaupt erst das Reisen im Innern von Ceylon ermöglicht hat: in erster Linie für die Beamten bestimmt, kommt sie doch auch dem gewöhnlichen Reisenden zu Gute. Ein solches Rasthaus ist ein im Garten gelegenes einstöckiges Gebäude mit einer von Holzsäulen getragenen schattigen Vorhalle, auf der die beliebten Liege-Stühle aufgestellt sind, mit einer Haupthalle, die als Speise- und Wohnzimmer dient, und einigen (zwei bis vier) daranstossenden, allerdings sehr einfach ausgestatteten Schlafzimmern nebst Waschgelegenheit und Bequemlichkeit. Getrennt von dem Hauptgebäude liegt die Küche und der Wohnraum des „Boy“, der gewöhnlich ein bejahrter, bärtiger Singhalese ist und mit ein oder zwei jüngeren Leuten der Kochkunst und Bedienung waltet.
Natürlich können diese armen Leute keine grossen Vorräthe halten. Reis mit Würze wird immer aufgetragen, auch wenn man unangemeldet des Abends eintrifft oder bei Tage nur ein Stündchen[397] mit der Post weilt, — natürlich nicht so rasch, wie in unsern Wirthshäusern mit voller Speisekarte und einem Stab dienender Geister. Auch Thee ist oft zu haben, gelegentlich Brod und Whisky. Hühner, Eier, Rindfleisch, Suppe, Sodawasser, Bier sind nur an den wichtigeren und besuchteren Knotenpunkten zu bekommen, am sichersten auf vorhergehende Bestellung. So ein singhalesischer Wirth ist darauf angewiesen, von einem oder zwei europäischen Gästen für den Tag seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und, wenn der Besuch noch sparsamer ist, auszukommen. Dazu gehört die ganze Genügsamkeit des Asiaten. Ein wenig Freundlichkeit seitens der Europäer und Trinkgeld erleichtert ihm das Dasein.
Ich war mit den bescheidenen und aufmerksamen Leuten stets zufrieden und erhielt hier in Matale, einem Eisenbahn- und Post-Halteplatz, wenngleich erst nach längerem Warten, ein vollständiges Abendessen aus mehreren Gängen sowie eine Flasche Bier.