Ich war der einzige Gast im Rasthaus; der einzige Europäer in der Postkutsche,[398] die mich am andern Morgen früh um 6 Uhr abholt zur Fahrt nach Anuradhapura. Die Zeit der Alleinherrschaft des Ochsengespannes ist vorbei. Der Postwagen hat zwei Pferde, die häufig gewechselt werden, und vier Räder,[399] allerdings nur einen leidlich bequemen Sitz, nämlich vorn neben dem Kutscher, da das Innere des verdeckten Wagens von Briefbeuteln und Ballen, dem Pferdeknecht und dem Postillon mehr als gefüllt ist. Trotzdem sucht und findet auch gelegentlich ein Einheimischer darin Platz; er hat aber nur den halben Fahrpreis zu zahlen.
Wir fahren nordwärts in das grüne Land, bergab in die grosse Ebene der Nordhälfte von Ceylon.
Die Kokospalmen, welche in der Hügelgegend noch reichlich fortkommen, treten mehr und mehr zurück. Doch macht die englische Regierung grosse Anstrengungen, auch hier diesen nützlichen Baum anzupflanzen und überhaupt durch Wiederherstellung der alten Wasserbehälter grosse Landstriche, die Jahrhunderte lang öde gelegen, dem Ackerbau wiederzugeben. Wo das Gebüsch am Wege sich öffnet und dem Auge den Durchblick gestattet, sieht man ausgedehnte Reisfelder. Die Strasse ist gut, aber nicht sehr belebt. Europäische Reisende treffen wir gar nicht. Die Ochsenkarren der Einheimischen werden durch unser Posthorn zum Halten genöthigt, bis wir vorbeigefahren. Städte fehlen. Die Dörfer sehen ärmlich aus.
Jeden Halt zum Pferdewechsel benutzte ich, um die braunen Menschen anzusehen. Ich trete an die nächste Hütte. Für den Arzt ist es leicht, eine Unterhaltung anzubahnen. Da steht ein Mädchen, das ein wenig schielt. Ich sage ihr, mit Hilfe des Postillons, der englisch versteht, dass sie gerade Augen bekommen könne. So ist das Vertrauen gewonnen. Gross und Klein umringt mich. Die schwarzen Kinder sind artig, reichen die Hand und lassen sich betrachten.
Bekleidet sind die Kleinen nur mit Ringen, Amuletten und allenfalls einer Lendenschnur. Einige ältere Kinder, die bereits mehr Verstand und leider deshalb mehr Furcht haben, brüllen bei meiner Annäherung, wie unsre Dorfkinder beim Nahen eines Negers. Auch einem Erwachsenen ertheile ich gelegentlich Rath, natürlich den einfachsten: kühles Wasser auf das entzündete Auge. Bei der Rückfahrt erspähten sie natürlich meinen Wagen und zeigten mir den Mann wieder.
Auffallend war auf der langen Tagesfahrt (von 27½ + 40 = 67½ engl. Meilen oder 120 km), die auch streckenweise durch ziemlich öde Gegenden führte, wie arm die Thierwelt in Ceylon erscheint gegenüber dem Reichthum der Pflanzenwelt. Auch Häckel erklärt offen, dass er in dieser Beziehung ziemlich stark enttäuscht wurde. Dagegen fanden die beiden Sarrasins, die allerdings während 2½ Jahren zu Fuss die Insel in neun verschiedenen Richtungen durchstreift, dass die Thierwelt Ceylons ausserordentlich reich sei, namentlich im Vergleich zu Europa; aber spärlich da, wo die Europäer jetzt gewöhnlich hinkommen. Wer also eine wirkliche Anschauung von der ceylonischen Fauna gewinnen will, muss das Prachtwerk dieser Forscher studiren. Ich beschränke mich auf die kurze Mittheilung der Arten, die ich zu sehen bekam.
Büffel und Zebu-Ochsen, die letzteren als Zugthiere, einige Pferde, Arbeits-Elephanten, (wilde habe ich nicht gesehen,) schäbige Hunde, Katzen, Hühner sind die Hausthiere. In den Städten sind Krähen und unsre gemeinen Sperlinge ständige Gäste. Gelegentlich kreuzte ein Fuchs oder ein Hase unsern Weg. An den Palmen klettern Eichhörnchen empor. Auf den Telegraphendrähten sitzen Meisen, schöne Tauben mit braunen Schwingen und blauem Hals; kleine grüne Papageien fliegen auf; Specht- und Kukkuk-artige Vögel hört man im Walde; eine Bande muntrer Affen[400] gewährt belebende Abwechslung; Eidechsen und Schmetterlinge sind sparsamer, als in Süd-Europa.
Sehr ansehnlich sind die mannshohen Termiten-Bauten am Wege, die von dem staunenswerthen Fleiss und der Geschicklichkeit der Erbauer Zeugniss ablegen. Die höchsten messen 3 Meter. Der Bau beginnt unter dem Boden. Sie graben den Thon aus und mischen ihn mit ihrem Speichel, so dass er das Aussehen und fast die Härte von Sandstein annimmt. Stets sind mehrere geschützte Ausgänge vorhanden. Genauere Untersuchung dieser Burgen ist nicht anzurathen; in den verlassenen pflegen Schlangen[401] sich aufzuhalten.