Manche Strecken der Fahrt sind ziemlich belebt. Eiserne Brücken überspannen die Flüsse. Von Wald umgebene Felder, hier und da auch kuppelförmige Felsen, die von den Sarrasin’s sogenannten Gneis-Dome, liefern schöne Landschaftsbilder.
Mittags-Ruhe und -Mahl fand ich im Rasthaus zu Dambulla, das nur noch 533 Fuss über dem Meeresspiegel liegt; Abends in dem von Anuradhapura (312 Fuss ü. d. Meere) mein Essen und mein Schlafzimmer. Zwei englische Beamte der Landesvermessung, die ich in der Vorhalle des Rasthauses antraf, waren sehr zuvorkommend; ebenso der englische Gouverneur der Nordostprovinz (Governements-Agent), Herr Jever,[402] dem ich meine Karte gesandt und der mir erwiederte, dass er mich am nächsten Morgen um 7 Uhr zur Besichtigung der Ausgrabungen abholen werde.
Beim Abendessen flog ein Vögelchen in die vorn offene Halle und gegen das hintere, geschlossene Glasfenster des Speisezimmers. Augenblicklich war eine Katze auf meinem Tisch; ein Sprung, und sie hatte das Vögelchen zwischen den Zähnen und war damit verschwunden. Dass Eidechsen im Speisezimmer die Wand emporlaufen, daran gewöhnt man sich mit der Zeit, da es nicht bloss im Rasthaus, sondern im grossen Gasthaus, mitten in der Stadt, vorkommt Lästiger ist aber ein Riesenbrummkäfer im Schlafzimmer, der hartnäckig gegen die hohe Decke fliegt und oben hinaus will. Ein geschleuderter Pantoffel ist ein unsicheres Geschoss; man muss sich in Geduld fassen und das kleine Uebel ertragen. Ein grösseres droht von weit kleineren Thieren. Ich meine nicht Insecten, sondern die nur mit den besten Vergrösserungsgläsern sichtbaren Plasmodien, die Erreger des Sumpffiebers. Als ich das Fenster aufstiess, kam mir aus dem Garten eine so dumpfe Luft entgegen, dass ich schleunigst eine genügende Gabe Chinin einnahm. Jedenfalls bin ich gesund geblieben, hier und auf der ganzen Reise. Weitere Arzneien habe ich nicht gebraucht, nur die in meiner Reiseapotheke mitgenommenen Carbolsäurepastillen, um in Colombo die weisse Schimmelkrankheit meines Fracks zu beseitigen.
Anuradhapura ist ein Fiebernest. Die wenigen hier lebenden Europäer sind darauf angewiesen, ganz regelmässig Chinin zu schlucken.
Anuradhapura, den 17. November 1892.
Ein zweirädriger Karren, bedeckt mit einem aus Palmblättern geflochtenen Schutzdach, gezogen von zwei zierlichen, weissen Buckelochsen; auf der Deichsel ein hübscher, schwarzbrauner Bursche, der nur mit einem Lendenschurz bekleidet und unablässig damit beschäftigt ist, die Schwänze der Ochsen in Knoten zu drehen oder ihre Weichen mit einem Stab zu stacheln, wonach sie für einige Secunden in einen höchst seltsamen Gallop gerathen, um gleich darauf wieder in ihre angeborene, schläfrige Gangart zurückzufallen; in dem Wagen kein Götzenbild, keine südöstliche Prinzessin, sondern ich selber, in weisser Leinwand, unter weichem, hellem, breitkrämpigem Filzhut, bewaffnet mit Sonnenschirm und Schreibtäfelchen; neben mir im Wagen des Rasthauswirthes Neffe, der den Führer machte und vorgab, englisch zu verstehen: so ging es fort zur Besichtigung der Alterthümer von Anuradhapura.
Aber wo liegt denn der Ort mit dem prachtvoll langen Namen? Zu den Weltstädten gehört er nicht; diese sind zweisilbig. Geneigte, eifrige Leserin, vielleicht wirst Du einige Mühe haben, über Anuradhapura Dich zu belehren, wenn auch Dein Bücherschatz leidlich vollständig sein mag. Doch auf guten Landkarten wirst Du es finden, ungefähr in der Mitte der Grundlinie des nördlichen Viertels von Ceylon.
Aber ich selber muss wahrheitsgemäss erklären, dass auch mir der Ort bis vor wenigen Monaten gänzlich unbekannt gewesen, und dass ich den sechssilbigen Namen erst jetzt im Kopf behalte und richtig ausspreche, seitdem ich in zwölfstündiger, anstrengender Postfahrt hierher hinlänglich Musse und Gelegenheit zur Einübung gefunden.
Und doch ist die Stadt nicht sehr viel jünger, als das ewige Rom; und auch in religiöser Bedeutsamkeit mit Rom zu vergleichen: nur war die Zahl der Bekenner, deren Herzen für ihre Heiligthümer sich begeisterten, ganz erheblich viel grösser.