Mit unsern geschichtlichen Kenntnissen ist es schwach bestellt bezüglich der Völker, die, wie z. B. die Ostasiaten, unser kleines Europa nicht merklich beeinflusst haben. Natürlich ist es ein grosses Glück für uns, dass wir nicht dies Alles zu erlernen brauchen. Denn diese Völker haben früh schreiben gelernt, und einige von ihnen haben furchtbar viel aufgeschrieben.
Vor allen die Singhalesen; diese besitzen eine fortlaufende Chronik ihrer Geschichte, die über mehr als zwei Jahrtausende sich erstreckt.
Das weiss man allerdings in Europa noch nicht sehr lange. Bis zum ersten Drittel unsres Jahrhunderts galt allgemein die Ansicht, dass die Geschichte der Singhalesen, so gut wie die der Hindu, lediglich auf dichterischen Sagen beruhe. Da entdeckte der Engländer Tournour, ein hoher Beamter auf Ceylon, im Jahre 1827 aus alten Handschriften buddhistischer Klöster, was die Singhalesen selber derzeit nicht mehr recht wussten, dass sie eine in Versen der Pâli-Sprache auf Palmblätter geschriebene Chronik besitzen, welche ihre dynastische Geschichte schildert, vom Jahre 543 v. Chr. bis zum Jahre 1758 n. Chr., d. h. von ihrer Einwanderung in Ceylon bis gegen das Ende ihrer Selbständigkeit. Nach Ueberwindung unsäglicher Schwierigkeiten gelang es Tournour, mit Hilfe der später aufgefundenen Erläuterungen, das Werk in’s Englische zu übersetzen; doch starb er leider, nach der Veröffentlichung der ersten Hälfte: erst vor wenigen Jahren ist die Uebersetzung des zweiten Theiles von einem Einheimischen herausgegeben worden.[403]
Mahawanso ist der Titel dieser Chronik, das heisst grosse Dynastie, und entspricht eigentlich nur der ersten Abtheilung vom Jahre 543 v. Chr. bis 301 n. Chr., nämlich von dem ersten Könige Wijayo,[404] der aus dem Ganges-Thal stammte, bis zu Maha Sen, mit dem diese Dynastie erlischt. Geschrieben ist dieser erste Theil zwischen 459 und 477 n. Chr. von Mahanamo, dem Oheim des Königs Dhatu Sena, und zwar auf Grund von älteren in der Volkssprache abgefassten Jahrbüchern. Die einheimischen Könige von Ceylon hielten seit uralter Zeit Geschichtsschreiber, worüber wir schon von Cosmas Indikopleustes († 550 n. Chr.) und von den Arabern Abu-Zeyd und Edrisi sichere Kunde haben, und förderten mit allen Mitteln die Abfassung von Chroniken. Die zweite Abtheilung von Mahawanso enthält die Geschichte der Könige von der niederen Rasse (Sulu wanse) und ist um das Jahr 1266 n. Chr. verfasst worden. Unter verschiedenen Herrschern wurde dann die Geschichtserzählung fortgesetzt und zwar bis zum Jahre 1758 n. Chr.
Ueber den Grad der Zuverlässigkeit des Mahawanso wird man erst in Zukunft genauer urtheilen können, wenn mehr von den alten Inschriften der ceylonischen Herrscher gefunden und verglichen sein wird. Aber gute Bestätigungen seines Inhalts, soweit er nicht religiös sagenhaft ist, liefern schon heute die auf Felsen und Säulen eingegrabenen Edicte des indischen Königs Asoka (270 bis 230 v. Chr.), des Horts der Buddhisten, der in Mahawanso erwähnt wird; ferner der chinesische Reisebericht des Pilgers Fa Hian, der um 400 n. Chr. Ceylon besuchte, und endlich die Beschreibung des Engländers Knox, der von dem König zu Kandy von 1660 bis 1680 in Gefangenschaft gehalten wurde.
Ausserdem giebt es noch andere Chroniken der Singhalesen, die zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert n. Chr. verfasst sind.
So vermochte Tournour zum ersten Mal in einer europäischen Sprache die Aufeinanderfolge von 170 Königen festzustellen, welche während 2355 Jahren den Thron eingenommen hatten, von dem Eindringen des ersten Königs Wijayo bis zur Absetzung des letzten, Sri Wikrema Rája Singha, im Jahre 1815.
Sehr bald nach der Errichtung des Königreiches, im 5. Jahrhundert v. Chr., wurde die Stadt Anuradhapura[405] gegründet, in der Mitte des folgenden Jahrhunderts zur Hauptstadt erhoben und danach mit unerhörter Pracht ausgestattet, aber auch sehr ordnungsmässig[406] als Grossstadt eingerichtet und verwaltet. Ein Riesenteich wurde errichtet, öffentliche Gärten angelegt, ein Palast und eine vergoldete Audienz-Halle erbaut; ferner riesige Dagoba (Reliquien-Thürme), da jeder folgende König seine Vorgänger zu übertreffen strebte, Tempel mit goldnen, edelstein- und perlgeschmückten Bildsäulen, die Terrasse des heiligen Bo-Baumes und der Bronze-Palast, ein Kloster mit 1000 Zimmern für fromme Väter.
Schon von dem Erdbeschreiber Ptolemaeus (im 2. Jahrhundert n. Chr.) wird Anuragrammum[407] als Hauptstadt der Insel beschrieben. Der chinesische Pilger Fa Hian, der im Anfang des 5. Jahrhunderts n. Chr. Ceylon besuchte, schildert voll Entzücken die Pracht der Heiligthümer. 60000 Priester lebten auf der Insel,[408] 6000 auf Kosten des Königs. Der heilige Zahn des Buddha, der 311 n. Chr. von Indien nach Ceylon gebracht worden, wurde an Festtagen in feierlichem Aufzug (perahera) dem Volke gezeigt; die Processions-Strasse war mit Blumen bestreut und mit Weihrauch erfüllt: eine dramatische Darstellung von Buddha’s Leben mit reichster Inscenirung bildete den Abschluss des Festes.