Ein singhalesisches Werk aus dem 7. Jahrhundert n. Chr. (Lankawista riyaye, d. h. das illustrirte Ceylon) giebt der Hauptstrasse von Anuradhapura 11000 Häuser und der Stadt eine Ausdehnung von 4 Wegstunden (16 engl. Meilen = 28,8 km) nach den beiden Hauptdurchmessern.

Der jetzige Leiter der Ausgrabungen, Herr H. C. R. Bell, ist der Ueberzeugung, dass dann die Vororte, wie Mihintale (8 engl. Meilen von den Haupttempeln) mit eingerechnet wurden.

Auch ist dichterische Uebertreibung nicht ganz von der Hand zu weisen, da die Schilderung der Stadt an eine Stelle des indischen Epos Ramayana erinnert. Aber die jetzt vorhandenen Ruinen beweisen, dass die Hauptdurchmesser der eigentlichen heiligen Stadt zum mindesten 2 engl. Meilen (= 3,7 km) betrugen; leider ist die Ausgrabung noch nicht so weit vorgeschritten, dass man über die Ausfüllung des ganzen Flächenraumes ein Urtheil sich bilden könnte.

Und diese ungeheure Stadt wurde im 8. Jahrhundert[409] n. Chr. aufgegeben und verlassen, da sie unhaltbar geworden gegen die kriegerischen Angriffe der Tamilen aus dem südlichen Theil von Indien.

Ursprünglich waren dieselben von den mit Ackerbau und Errichtung von Heiligthümern vollauf beschäftigten Singhalesen zum Schutz der Insel-Küsten herbeigerufen worden; dann hatten die Schutztruppen gelegentlich sich selber der höchsten Gewalt bemächtigt; nach einiger Zeit wurden sie wieder vertrieben; immer kehrten sie aber in verstärkter Anzahl zurück, drangen erst plündernd, dann erobernd in Ceylon ein, wo man leider mehr Klöster und Dagoba gebaut, als Festungen und an die Klöster ein Drittel des ganzen Landes verschenkt hatte. Schliesslich mussten die Singhalesen den Tamilen die ganze Nordhälfte der Insel überlassen und ihren Hauptstützpunkt in der südlichen Hügelgegend suchen.

Erst seit zwei Menschenaltern ist Anuradhapura wieder bekannt und von Europäern besucht. Aber während Pompeji von der Asche des Vesuv, Olympia von dem Sand des Alpheus-Flusses verschüttet, Mykene und Tiryns wie Carthago und Ephesus von Feindeshand zerstört ward, und Erdbeben hier und da an dem Zerstörungswerk sich betheiligt; Anuradhapura ist buchstäblich vom Wald überwachsen;[410] das dichteste Gebüsch und gewaltige Bäume haben im Laufe von nahezu zwölf Jahrhunderten das meilengrosse Stadtgebiet in eine Art von Urwald umgewandelt.

Die Insel Ceylon ist ja ein natürliches, feucht-warmes Gewächshaus. Von der Kraft des Pflanzenwuchses sieht man gerade hier recht merkwürdige Beispiele. Die Böschung eines künstlichen Teiches ist mit mächtigen Steinblöcken belegt; ein solcher Block von vielleicht 2 Meter Länge ist durch die hinter ihm befindliche Wurzel eines Baumes um 30 Grad aus seiner Lage gedreht und wird sicher nach nicht allzu langer Zeit in die Tiefe stürzen. Gewaltige Feigenbäume wurzeln auf Mauern und Dämmen; gerade diese gehören zu den Hauptzerstörern der alten Gebäude, da erstlich in dem feuchten Klima ihre (von den Vögeln überall hin verschleppten) Samen so leicht Wurzel fassen, und da ferner die kriechenden Wurzeln dieses Baumes sich so weit umher verbreiten.

Aber die Einsamkeit der Gegend trug doch auch etwas zur Erhaltung der letzten Reste bei. Kein eifriger Moslem zerstörte absichtlich die Bildwerke und Säulen, kein lässiger Hindu verbrauchte die zugehauenen Steine für seine eignen Zwecke, kein englischer Beamter hat damit Brücken und Wege verbessert.

Uebrigens war der Ort nie vollständig verlassen und vergessen. Eine Handvoll Priester weilte stets in der Wildniss bei den Heiligthümern, von denen eines ja den rechten Kinnbackenknochen Buddha’s enthalten soll; und fromme Pilger drangen alljährlich auf schmalem Pfade durch die Wälder, um die Heiligthümer zu verehren, sowie Blumen an die Gottheit und Gaben an die Priester zu spenden.