Aber erst im Jahre 1832 wurde der Platz von dem Major Skinner untersucht, vermessen, gezeichnet; erst seit 20 Jahren haben die Engländer die wichtigsten Ruinen, so zu sagen, aus dem Wald herausgehauen und auch die alten Teiche und Bewässerungen wiederhergestellt, verbessert, mit Schleusen versehen. So ist hier wieder ein von Menschen bewohnter Ort entstanden; 1881 war es ein Dorf von 1300 Einwohnern, 1891 eine „Stadt“ von 2494 Einwohnern; es sind fast ausschliesslich reisbauende Singhalesen. Da sieht man wieder die niedrigen, von Kokospalmen beschatteten Hütten, einen belebten, sehr sauber gehaltenen Markt, die drei hier, in der trockneren Hälfte von Ceylon, für jeden Wohnort unentbehrlichen Teiche, einen zum Trinken, einen zum Baden und einen für das Vieh, von denen natürlich der erste etwas höher liegt, als der zweite und dieser wieder höher, als der dritte; und rings herum in weiter Ausdehnung gut bewässerte Reisfelder; da sieht man in der Nähe der alten Ruinen, die weit über unsre Zeitrechnung zurückreichen, an einem breiten rasenbepflanzten Weg, den behaglichen Wohnsitz des Regierungsvertreters, das grosse Verwaltungsgebäude (cutchery oder vielmehr Kachcheri), das Gerichtshaus, das Rasthaus, die Schule und sogar ein funkelnagelneues, noch nicht bezogenes Krankenhaus.
Was ist nun zu sehen in Anuradhapura? Zunächst die Dagoba oder Reliquien-Thürme, welche irgend ein Andenken an Buddha einschliessen.
Auf einem rundlichen Unterbau erhebt sich der halbkugel- oder glockenförmige, ganz solide Hauptbau; auf letzterem steht der würfelförmige Oberbau, und darauf ein Thürmchen mit metallischem Aufputz, wie man sagt, dem Abbild von Buddha’s siebenfachem Sonnenschirm.
Die Anzahl der Dagoba ist ungeheuer, ihre Grösse sehr verschieden; sehr viele sind nur 10–20 Fuss hoch, drei aber so gross, dass man sie mit den Pyramiden von Gizeh wenigstens vergleichen kann. Die Dagoba sind der Ruhm wie der Ruin des Königreiches gewesen.
Natürlich hatten die erobernden Tamilen denselben Gedanken beim Anblick der mächtigen Bauten, wie die erobernden Araber bei den ägyptischen Pyramiden, dass grosse Schätze im Innern verborgen sein müssten, und begannen eifrig das Werk der Zerstörung, bis sie, von der Vergeblichkeit ihrer Bemühungen überzeugt, davon Abstand nahmen. Andre Schätze, nämlich solche der Wissenschaft, suchte vor wenigen Jahren Herr Jever; er liess in die Abhayagiri-Dagoba, die der englischen Krone gehört, einen Stollen von 200 Fuss Länge durch das solide Ziegelbauwerk von 2000jährigem Bestande treiben und fand als einzige Ausbeute nur ein paar Perlen von rein geschichtlichem Werthe.
Den merkwürdigsten Anblick gewährt die Jayta-wanarama-Dagoba, die 330 n. Chr. vom König Maha Sen errichtet wurde. Von weitem sieht sie jetzt aus wie ein bewaldeter Berg, auf dem ein kleiner Thurm steht. Aus grösserer Nähe erkennt man an den abgeholzten Stellen, dass das Ganze einen gewaltigen Ziegelbau darstellt. Derselbe ragt jetzt noch 249 Fuss in die Lüfte; sein Durchmesser beträgt 360 Fuss, so dass der Inhalt des ursprünglich halbkugelförmigen Bauwerks einst gegen 20 Millionen Cubikfuss[411] betrug. Fünfhundert unserer Maurer hätten sechs Jahre daran zu bauen; die Kosten würden, nach Tennent, eine Million Pfund Sterling betragen. Aus den Steinen könnte man eine Mauer von 10 Fuss Höhe und 1 Fuss Dicke zwischen London und Edinburgh herstellen.
Die grösste Dagoba (Abhayagiri = Berg der Sicherheit) wurde 87 n. Chr. vollendet und zwar vom König Walagam Bahu, zur Erinnerung an die Vertreibung der Tamilen und an die Wiedereroberung des Reiches. Ursprünglich war der Bau vom Grunde bis zur Spitze des Thürmchens 405 Fuss hoch; jetzt, nach nahezu 2000 Jahren, misst die Höhe noch 231 Fuss.
Auf der dichtbewaldeten, unregelmässigen Halbkugel aus Ziegelbau ist neuerdings der würfelförmige Oberbau mit dem schlanken Thurm möglichst getreu nach den erkennbaren Resten wieder hergestellt.
Am berühmtesten, wegen der zahlreichen Reliquien, und auch am merkwürdigsten ist die dritte der grossen Dagoba, Ruan-welle, d. h. Goldstaub, unter Dutugaimunu, dem Besieger des Tamil Elala, und seinem Nachfolger um das Jahr 140 v. Chr. nach 20jähriger Arbeit vollendet. Sie war gegen 370 (nach andern nur 270) Fuss hoch, ist aber durch die Tamilen 1214 n. Chr. so weit zerstört worden, dass nur noch ein kleiner Berg aus Ziegelbau in der Höhe von 150 Fuss, vollständig mit Bäumen und Buschwerk bewachsen, heutzutage übrig geblieben. Aber der untere Theil des Bauwerkes ist vollständig freigelegt nebst der umgebenden Pflasterung.