Sonnabend, 26. November, 15° 2´ N., 82° 23´ O., 170 Seemeilen.

Sonntag, 27. November, 18° 47´ N., 85° 50´ O., 300 Seemeilen.

Montag, 28. November, ankern wir von 6 bis 10 Uhr V. vor der Insel Saugar, an der Mündung des Hugli; und Nachmittags wieder bei dem Diamant-Hafen bis Dienstag Morgens 6½ Uhr.

Dienstag, 29. November, Mittags ankern wir im Hafen von Calcutta.


Auf dem Schiff sind kaum noch Amerikaner: dagegen zwei Paare englischer Erdumwandrer, die ich von der Empress her kannte. Die meisten Cajüt-Reisenden sind „nach Indien gebundene“ Engländer: Officiere, Beamte, Kaufleute mit Weib, Kind, Säugling, Kinderfrau und Amme. Ich lerne einen gebildeten, greisen, englischen Civil-Ingenieur kennen, der zu seinem Vergnügen und zur Belehrung nach Indien reist. Mit ihm war, zumal ich einiges von den Schriften seines Vaters, eines Astronomen, und seines Bruders, eines Physikers, kannte, eine gebildete Unterhaltung möglich. Das kann ich von den meisten Engländern des Schiffes nicht behaupten. Da war zunächst der jugendliche Schiffsarzt, der mir erklärte, dass die englische Heilkunde viel weiter vorgeschritten sei, als die deutsche; aber nach kurzer Prüfung in der einen ebenso unwissend befunden wurde, wie in der andern. Da war ein englischer Beamter, der bei Tisch die abfälligsten Aeusserungen über mein Vaterland sich erlaubte und nachdrücklichst zum Schweigen gebracht werden musste. Selbst einer meiner alten Reisegefährten von der Empress, ein Gymnasialprofessor, trieb es ebenso; wurde aber weit angenehmer, als ich mir nichts gefallen liess, sondern sofort zum Angriff auf englische Zustände vorging. Die Damen waren gebildeter, namentlich meine Tischnachbarin, eine irische Beamten-Gattin, und die Frau eines Officiers, welche mit Begierde die Gelegenheit ergriff, einmal wieder deutsch zu sprechen. Sie war in Deutschland erzogen. Rührend und eigenartig ist die Zuversicht dieser Officiersfrauen: „Noch achtzehn Jahre der Verbannung in Indien; dann können wir in der Heimath herrlich leben.“ Es ist richtig; der englische Officier bekommt nach 25jähriger Dienstzeit in Indien tausend Pfund Sterling jährlich als Ruhegehalt; aber nur der dritte Theil dieser zweiten Söhne erlebt es. Die andern müssen früher nach Europa zurückkehren, oder sie finden ihr Grab in Indien.

Am zweiten Tage der Fahrt, Donnerstag, den 24. November, Morgens 6 Uhr, d. h. siebzehn Stunden nach der Abfahrt, ist die bergige Küste von Ceylon noch sichtbar, Mittags die Nordspitze mit den vorgelagerten Inseln. Das Meer ist spiegelglatt. Abends fällt Regen. Am Morgen des 25. November bin ich vor 6 Uhr auf Deck. Der Ost ist rosig gefärbt. Plötzlich blitzt am Horizont ein Strahl auf, und die obere Kuppe der Sonne wird sichtbar. Wer diese uns Inland- und Städte-Bewohnern so ganz unbekannte Erscheinung öfters gesehen, wird leicht verstehen, wie die küsten- und inselbewohnenden Griechen das Auf- und Eintauchen der Sonnen-Rosse so darstellen konnten, wie sie es am Parthenon gethan.

Ich lese Thackeray’s Vanity fair und bereite mich auch für Indien vor. Nachmittags erscheinen die niedrigen Berge des indischen Festlandes, die mir wieder das oft genossene, aber stets von Neuem erfreuliche Vergnügen bereiten, die Kugelgestalt der Erde zu beweisen: erst erscheinen auf dem Wasserspiegel zwei getrennte Zacken, die ich sorgfältig aufzeichne; später hebt sich auch die Verbindungslinie derselben.

Nachmittag um 5 Uhr sind wir in Madras. Dies ist die dritte Stadt Indiens nach der Zahl der Einwohner (452000) und die Hauptstadt der gleichnamigen Präsidentschaft oder Provinz mit einem Gebiet von 361000 Quadratkilometer und 30 Millionen Einwohnern.