Die ganze Koromandel-Küste von Ceylon bis Orissa hat keinen Hafen. Ein Wellenbrecher ist am Nordende der Stadt Madras gebaut in Gestalt von zwei rechten Winkeln, die gegeneinander schauen und mit ihren freien Schenkeln eine enge Zufahrt offen lassen. Draussen tobt die Brandung, und zwar darum besonders stark, weil erst eine englische Meile vom Festland die Tiefe von 10 Faden erreicht wird; drinnen ist das Wasser spiegelglatt; an der Mitte des so abgegrenzten Festlandstreifens springt ein Damm in das umschlossene Rechteck des Hafens vor. Die kostbare Anlage ist nach Ansicht der Engländer nicht als gelungen zu betrachten. Heftige Wirbelstürme wüthen von Zeit zu Zeit an dieser Küste und haben öfters sämmtliche Schiffe zerstört, die vor Madras ankerten. Zur Zeit sind nur wenige Dampfer hier, trotz der neuen Schutzanlagen.

Die Bootsleute, welche Reisende an’s Land schaffen wollen, in den flachen Masula-Barken, die aus Mango-Holz mit Cocos-Stricken, ohne Nägel hergestellt sind, mit sonderbaren Rudern, die ein kleines kreisrundes Blatt an langer Stange darstellen, sind gradezu grässlich, weit schlimmer, als ich es 1884 in Tunis erlebt. Hier wäre eine kräftige Hafenpolizei am Platz.

Da es schon spät ist, verzichte ich auf das zweifelhafte Vergnügen, an’s Land zu gehen, nur um sagen zu können, dass ich in Madras gewesen und den Vice-König gesehen, der grade die Stadt mit seinem Besuche beehrte. Die grösseren neuen Gebäude, namentlich das Obergericht (High court), sehe ich vom Schiff aus.

Sehr bald beginnt ein unerhörtes Gewühl am Schiffsbord. Aufdringlichste Verkäufer bieten gestickte Decken, Pantoffeln, Florgewebe, ineinander geschachtelte Körbe an. Eine Gaukler-Familie erscheint und macht unter andern das gewöhnliche Kunststück der Spiritisten, aber bei Tagesbeleuchtung und auf den Planken des Schiffverdecks: eine junge Frau mit zahllosen Ohr- und Nasenringen wird an Händen und Füssen gebunden, in ein Netz aus Stricken gethan, noch einmal gebunden, auf den Boden gelegt, mit einem Korb überdeckt, dieser mit einem Degen in senkrechter und schräger Richtung durchstochen; — und schliesslich kriecht sie unverletzt und ungebunden unter dem Korb hervor und bettelt die Reisenden an. Abends 10 Uhr fahren wir ab.

Nachdem ich unter fleissigem Studium den englischen Sonntag an Schiffsbord glücklich überstanden, merkte ich Montag, den 28. November, Morgens früh um 6 Uhr, dass wir vor Anker liegen, und zwar gegenüber der niedrigen Tiger-Insel (Saugar Island) mit Flaggenstange, einem eisernen Leuchtthurm (von 75 Fuss Höhe, aus dem Jahre 1808) und mit einer kleinen Festung, in dem gelben Wasser des Hugli-Flusses, der zu den Mündungen des Ganges gehört, ja früher die hauptsächlichste gewesen sein soll.

Der Hugli ist höchst gefährlich, kann bei Nacht gar nicht und bei Tage nur mit der Fluth befahren werden. Abgesehen von gelegentlichen Stürmen bilden sich fortwährend neue Sandbänke in dem Flusse. Nur die tägliche Erfahrung der Lootsen giebt Sicherheit. Diese Leute sind ganz besonders gut bezahlt und geachtet.

Die Gefährlichkeit des Flusses sehen wir bald mit eignen Augen; sowie wir in das gelbe Wasser hineinfahren, begegnen wir den traurig aus dem Wasser emporragenden Masten des Wracks der Anglia, eines grossen Dampfers, der vor acht Monaten hier zu Grunde gegangen. Wir werfen auch Nachmittags vor Diamant-Harbour wieder Anker und verbleiben so über Nacht.

Abends ist Ball auf dem Schiff. Aber der ist schöner auf dem Norddeutschen Lloyd. Das Klavier aus dem Salon war auf Deck geschleppt worden, ein Sonder-Ausschuss hatte sich gebildet, eine Tanzordnung war geschaffen, die höchst gefallsüchtigen Damen tanzten nur mit denjenigen Herrn, die ihnen vorgestellt waren.

Bis 6½ Uhr Morgens, Dienstag, den 29. November, liegen wir vor Anker. Die Ufer des mächtigen Flusses sind grün und fruchtbar. Beim ersten Anblick sieht das Land aus wie in Europa, bis Palmen und Dörfer der Hindu erscheinen, die uns eines andern belehren. Kähne mit braunen „Vettern“ füllen den Fluss, gegen dessen Verheerungen die Felder durch mächtige Dämme geschützt sind. Der Fluss wird enger, die Schifffahrt belebter, Zuckerrohrpflanzungen, Baumwollenfabriken erscheinen, der Aussenhafen von Calcutta, Ziegeleien, endlich ein Wald von Masten: wir sind in Calcutta, der Hauptstadt des Kaiserreichs Indien.

Schon vorher waren die Zollbeamten an Bord gekommen. Sie benahmen sich sehr höflich. Die Geheimnisse der Reisekoffer zu enthüllen lag ihnen fern; sie forschten nur nach zwei Dingen, Schnaps und Opium, die Niemand in zollpflichtiger Menge bei sich führte; und nahmen Schiesswaffen nebst Ladung in Verwahrung, die Jeder mit sich führte. Sogar der Globetrotter-Jüngling von sechzehn Jahren holte seinen Revolver aus der Tasche.