Es ist unrichtig, dies eine Beschlagnahme zu nennen, und überflüssig, den Consul zur Wiedererlangung der Waffen zu behelligen. Seit dem grossen Aufstand von 1857 hat die Regierung von Indien die Einfuhr von Waffen und Schiessbedarf einerseits unter Aufsicht genommen, andrerseits erschwert durch einen Zoll von einem Zehntel des Werthes.
Am folgenden Tag geht man zum Zollhaus, zahlt ein Zehntel des zu erklärenden Werthes der Waffe und erhält dieselbe sofort zurück. Es ist das ja ein wenig langweilig, trotz des trinkgeldsüchtigen Babu[422], der sofort erscheint und mit dem Fremden durch die verschiedenen Räume eilt, — aber durchaus nicht schlimm. Angeblich soll man die gezahlte Summe in Bombay zurückfordern können, wenn man die Waffe wieder aus Indien ausführt. Doch macht der gewöhnliche Reisende davon keinen Gebrauch. Uebrigens soll trotz aller Vorsicht der Regierung ein schwungvoller Waffenschmuggel bestehen.
Am Lande werden die Koffer nicht geöffnet. Die Beamten bereiten dem Fremden keine Schwierigkeit, wohl aber die zerlumpten Träger, welche die Koffer auf das Droschkendach heben und unvernünftige Forderungen stellen, und die ebenso zerlumpten Führer, die sich mit hinaufschwingen und für den Nachweis der Droschke — deren Hunderte dastehen, — und des Hotels, das dem Kutscher genügend bekannt ist, lächerliche Summen beanspruchen, aber auch mit weniger vorlieb nehmen, wenn man ihnen einfach den Rücken dreht.
Das Great Eastern Hotel, zu dem ich fuhr, wie wohl die meisten Reisenden unseres Dampfers, des Postschiffes von London nach Calcutta, hatte kein Zimmer frei, da schon von London aus die Bestellungen vorher gemacht waren. Man hatte die Unverschämtheit, mir einen Schlafsaal mit sechzehn Betten zu zeigen, wo man auch mir eines aufstellen wollte. Ich machte meinen Empfindungen Luft in dem kräftigsten Englisch, das mir zu Gebote stand, und hatte die Genugthuung, da ein deutscher Geschäftsführer herbeieilte, auch noch in meiner Muttersprache meine Ansicht zu wiederholen. Bei Caine las ich allerdings, dass um Weihnachten so mancher Engländer sich glücklich schätzen würde, eines von diesen sechzehn Betten zu erlangen. Es gilt eben für fein, in diesem Gasthaus[423] abzusteigen und hieher die Einladungsbriefe[424] zu erhalten. Aber da ich nicht an diese englischen Vorurtheile gebunden war, sondern meine Bequemlichkeit vorzog: so fuhr ich nach einem Gasthaus zweiten Ranges (Bellevue der italienischen Gebrüder Boscolo), wo ich im ersten Stock ein nach indischen Begriffen gutes Zimmer, vorn in den „Saal“, hinten in mein eignes Badezimmer mündend, nebst voller Verpflegung (ausser Wein und Bier) für sieben Rupien täglich miethete und dazu, wie landesüblich, einen eignen Diener, der täglich ½ Rupie[425] zu fordern hat und mit einer ganzen zufrieden ist. Des Morgens früh bringt er den Thee und macht den (mir allerdings nur lästigen) Versuch, beim Ankleiden behilflich zu sein; die Sachen reinigt er nicht; vor dem Zimmer lungert er umher, bedient seinen Herrn bei Tisch, geht Gänge, kauft Halsbinden und dergleichen Kleinigkeiten, die man ihm aufträgt, mit geringem Aufschlag; fährt Abends mit in das Hindu-Theater, am nächsten Tage über den Fluss in den botanischen Garten, Nachmittags auf die Esplanade, zum Empfang des Vice-Königs, schliesslich zum Eisenbahnhalteplatz, wenn der Reisende abfährt. Dass der Diener immer mause, wie ich in einzelnen Reisebeschreibungen gelesen, kann ich nicht bestätigen; auf meinen Geldbeutel passe ich allerdings auf, und den Koffer halte ich gut verschlossen. Dass es nöthig oder angenehm wäre, einen solchen Diener, der mässig englisch spricht, mässig Bescheid weiss und dessen Haupttugend in der Unterwürfigkeit besteht, auf die Fahrt durch Indien mitzunehmen, kann ich gleichfalls nicht bestätigen; ebenso wenig, dass man in Bombay hungrig von der Mittagstafel aufstehen müsse, wenn man nicht einen eigenen Diener besitzt. Die deutschen Kaufleute in Calcutta, welche ich darüber befragte, lachten mich aus und erklärten, dass diejenigen Reisenden, die so übertriebene Schilderungen veröffentlicht hätten, sich selber nicht in helfen wüssten. Das sei unterwegs die Hauptsache, auch in Indien.
So bin ich also in Indien, dem Märchenland für die Europäer von den Tagen des grossen Alexander bis auf die Kreuzzüge, die Herrschaft des Grossmogul und bis auf den heutigen Tag. So gross wie das Land, so lang wie seine Geschichte, die leider für die ältere Zeit noch so räthselhaft geblieben: so ausführlich ist die Literatur über Indien. Natürlich meine ich nur diejenigen Bücher, die ein gebildeter Leser heutigen Tages befragt, um sich ein Urtheil zu schaffen; um, was er als Reisender mit eignen Augen geschaut, seinem Verständniss näher zu bringen.
Es giebt einen ziemlich guten Führer durch Indien, natürlich in englischer Sprache, von Murray. Ferner Führer durch die hauptsächlichsten Städte (Calcutta, Benares, Agra, Delhi, Bombay). Aber die Hauptquelle ist The Indian Empire by Sir William Wilson Hunter, 3. Aufl., London 1893, 852 Seiten; der Verfasser hat aus seinen 128 Bänden (60000 Druckseiten) des Statistical Survey erst die 14 Bände des Imperial Gazetteer of India und daraus das erwähnte Werk gewissermassen abgezogen und zusammengedrängt. Das Werk ist vorzüglich und enthält in klarer Sprache alle Belehrung, die man vernünftiger Weise erwarten kann. (Es giebt auch ein deutsches Buch „das Kaiserreich Ostindien“ von Werner, Jena 1884.) Ausserdem hat Hunter noch zwei Werke verfasst: A brief history of the Indian people und Englands Work in India. Die ausführlichste Geschichte Indiens für die ältere Zeit ist von Mount Stuart Elphinstone, der selber so thätigen Antheil an der neueren Geschichte Indiens genommen. Wichtig ist auch History of the Indian Mutiny by Col. S. B. Malleson.
Eine vorzügliche „Geschichte des alten Indien“ in deutscher Sprache hat Prof. Lefmann in Heidelberg geschrieben (Berlin 1881–1885).
Für die indische Kunst kommt in Betracht Industrial arts of India by Sir G. Birdwood. J. Fergusson’s History of Indian und Eastern Architecture scheint das einzige Werk über indische Baukunst zu sein; in den gewöhnlichen englischen Werken sind seine Beschreibungen wörtlich abgedruckt; aber die Einseitigkeiten des bedeutenden Verfassers, namentlich seine Schwärmerei für den Schlangendienst in Indien, werden jedem Leser von den ersten Seiten an deutlich. Sehr lehrreich ist Albert Grünwald’s buddhistische Kunst in Indien, Berlin 1893.
Ueber Alterthümer erwähnen die Verfasser der englischen Reisewerke immer nur Jas. Prinsep’s Essays on Indian Antiquities (zwei Bände, London, Murray, 1858). Aber diese verdienstvollen und schwierigen Einzelforschungen sind wohl von jenen nicht studirt worden. Wir Deutschen bevorzugen, mit vollem Recht, die bahnbrechende und noch heute werthvolle „Indische Alterthumskunde“ von Professor Chr. Lassen in Bonn (1844–1861 und 1867–1874, vier Bände).