Unbeschreiblich ist das Gewühl von beiden Seiten, als endlich die Zugbrücke fällt und der Verkehr freigegeben wird.
Nach Hause zurückgekehrt, nehme ich ein Bad, kleide mich um, und fahre zum Empfang des Vicekönigs an Prinseps Ghat, der Landungstreppe im Süden des Hafens.
Alle Schiffe haben geflaggt. Ganz Calcutta ist zur Stelle. Märchenhafter Prunk, wie aus 1001 Nacht, wird entfaltet. Da fährt der Rajah im grossen, vierspännigen, offenen Wagen. Himmelblau gekleidete Diener sitzen vorn, sitzen hinten, mit einem Wedel auf dem Rücken, zum Zeichen des Dienstes. Blau gekleidete Leibwächter mit blankem Schwert und Schild galoppiren hinterdrein. Der Rajah selbst im langen Sammtgewand mit Goldstickerei sitzt stolz und würdevoll in seinem Wagen und dankt sehr freundlich, wenn ihn Einer grüsst.
So kommen Dutzende von Wagen mit vornehmen Einheimischen und fahren auf den belebten Spazierwegen hin und her; einige Wagen enthalten auch Damen, die nicht so, wie die des Volkes, mit Nasen- und Armenringen überladen, aber doch abenteuerlich genug geputzt und gekleidet sind. Selbst die gewöhnlicheren von den Einheimischen, die ihren Einspänner selber lenken, ahmen das bunte Gefieder ihrer Vögel nach; ich sah einen jungen Mann in grüner, gestickter Seidenjacke und in Purpurhose. In dem Gewühl der einheimischen Fussgänger fehlen Frauen fast ganz, und trotzdem sieht es bunter aus, als bei unseren Volksfesten.
Auch die Europäer in ihren Kutschen zahlen dem Morgenland ihren Zoll; wenngleich sie selber dunkle oder wenigstens gleichfarbige Kleidung tragen, so sind doch ihre Kutscher und Läufer mit bunter Husarengewandung geschmückt. Selbst unter den Soldaten sind einzelne, z. B. die bengalischen Lanzenreiter, höchst farbenprächtig und eigenartig.
Nachdem die Ansammlung eine halbe Stunde gewartet, wurde es kund, dass der Dampfer des Vicekönigs am Ausfluss des Hugli aufgehalten worden sei, und die Ankunft erst am nächsten Tage stattfinden werde.
Die Sonne geht wolkenlos unter, aber sofort leuchtet der Mond in hellem Glanz.
Zwischen Prinseps Ghat und dem Maidan liegt das stattliche Fort-William, das von 1757–1773 für 2 Millionen £ erbaut worden. Es ist ein unregelmässiges Achteck, von 3 Kilometer Umfang, von einem 50 Fuss breiten und 30 Fuss tiefen Graben umgeben, der vom Fluss aus mit Wasser gefüllt werden kann, und mit sechs festen Thoren und einer Ausfallspforte.[449] Es enthält ein englisches und ein einheimisches Infanterie-Regiment und eine Batterie, hat 619 Geschütze, ein Arsenal und Raum für 25000 Mann. Gegenüber dem Wasser-Thor der Festung steht hart am Flussufer das Gwalior-Denkmal, zur Erinnerung an die 1843 im Feldzug gegen Gwalior gefallenen Soldaten und Officiere, im Jahre 1844 errichtet.
Zwischen der Festung und dem Palast liegt der Eden-Garten, wo Abends die Militärkapelle spielt und die Kinder nebst ihren Fräulein, Frauen und Dienern, ferner Jünglinge und Jungfrauen, sowie auch einen Theil der Vornehmen heranzieht, obwohl die letzteren lieber in ihren Kutschen am Eingange halten. Ich stieg natürlich aus und mischte mich in das Gewühl. Der Garten hat seinen Namen nicht von dem Paradiese, sondern von den Fräulein Eden, den Schwestern des Lord Auckland, die diesen freundlichen Aufenthaltsort geschaffen haben. An einem kleinen See ist eine echt birmesische Pagode aufgestellt mit riesigen, holzgeschnitzten Fabelthieren.
Dass sich ein Cricket-Grund vorfindet, neben dem Eden-Garten, und ein Platz zum Pferde-Wettrennen, südlich vom Fort, ist selbstverständlich.