Der ganze, von der Bebauung freigebliebene Südwesten der Stadt ist von vorzüglichen Fahrwegen durchzogen und an den Kreuzungen mit zahlreichen, gutgemeinten Bildsäulen verdienter Männer besetzt. Der Fahrweg am Fluss-Ufer setzt sich jenseits des Flüsschens Tolly-Nalla und der grossen Docks von Kidderpur südwestlich fort in die Garten-Strecke (Garden reach). Der Weg zieht hier neben dem Fluss-Ufer, aber von ihm getrennt, durch die Besitzungen der P. & O., der M. M., des abgesetzten Königs von Oudh und vieler Anderen; einzelne der Landhäuser sind schon von 1768–1780 erbaut.
Das Abendessen war ziemlich behaglich, da das gänzliche Fehlen englischer Damen den steifen Zwang in Fortfall brachte, und die Anwesenheit verschiedener Landsleute eine Unterhaltung in der Muttersprache ermöglichte.
Ausser mehreren jungen Kaufleuten, die den kostspieligen Versuch eigener Wirthschaft (mit etwa neun Dienern für jeden Unverheiratheten) aufgegeben und wieder zum Wirthshaus-Essen zurückgekehrt, fand ich einen Jutefabrikanten aus Deutschland, der mit seinem erwachsenen Sohn hauptsächlich zur Beruhigung seiner Nerven, theilweise auch zum Einkauf von Jute, nach Calcutta gereist war.
Mein Leibdiener wartete mir bei Tische auf, brachte die Gerichte und eine Flasche trinkbaren deutschen Bieres,[450] musste aber ernstlich verwarnt werden, dass er nicht jedes Mal ein grosses Stück Eis in das Tulpenglas werfe. Bis zum Jahre 1878/79 wurde Eis aus den Vereinigten Staaten eingeführt, seitdem wird es in Calcutta und Bombay künstlich hergestellt, ist aber ebenso wenig Vertrauen erweckend, wie das indische Soda-Wasser.[451] Ich habe ausser Thee und Kaffe in Indien nichts getrunken, was nicht vor meinen Augen einer in Europa verkorkten Flasche entnommen wurde.
Nach Tisch liest man bei einer rauchbaren Cigarre[452] die englische Zeitung von Calcutta, die schon genügend Telegramme aus Europa hat, um den fern von der Heimath weilenden Reisenden zu beruhigen. Aber nun scheint auch der Tag erschöpft. Denn in die nahe bei unserem Hotel gelegene Concerthalle zu gehen, um eine europäische „Diva“ singen oder gar pfeifen zu hören[453], dürfte doch nicht einmal ein zweifelhaftes Vergnügen, sondern ein zweifelloses Missvergnügen darstellen.
Aber es muss hier doch ein Hindu-Theater geben, frage ich den Wirth. — Gewiss, mehr als eines; sie liegen dicht bei einander. Ich werde Ihnen einen Wagen besorgen und Ihren Diener benachrichtigen. — Mein Landsmann, der schon mehrere Monate theils in Calcutta, theils in Darjeeling verweilt, aber noch nie eine solche Vorstellung gesehen, war gern bereit, mich zu begleiten. Wir fuhren eine ziemliche Strecke durch die dürftig mit Gas erleuchtete Stadt, (nur die Hauptstrasse zwischen den Bahnhöfen hat elektrische Lampen,) immer weiter nördlich, zu immer ärmlicheren Vierteln (Beadonstreet). Aber das Theater war sehr merkwürdig. Schade nur, dass ich so wenig davon verstand, trotzdem ein Hindu, der etwas englisch sprach, Erläuterungen gab. Das Stück hiess „Mondschein“ und war ein Trauerspiel, aber nach Shakespeare’scher, oder sagen wir lieber altindischer Art, mit lustigen und selbst possenhaften Auftritten vermischt. Ein Kebsweib erzürnt den Gatten gegen seinen erwachsenen Sohn und veranlasst die Tödtung des letzteren. Spiel und Gesang war für uns durchaus nicht unangenehm, weder in den traurigen, noch in den lustigen Abschnitten.
Da gegen Mitternacht das Stück noch nicht zu Ende war, fuhren wir nach Hause. Nach einem so inhaltsreichen Tage schlief ich gut, trotzdem das Zimmer heiss und das Bett mittelmässig war.
Ungefähr in der Mitte der Stadt liegt die Universität und dabei das Krankenhaus der Schule für Heilkunde (der medicinischen Facultät). Die Einrichtung ist natürlich nach europäischem Muster hergestellt, die Lehrer sind ehemalige Militärärzte, die Schüler Asiaten wie auch Europäer, Herren wie Damen. Beobachtungen, die mein Sonderfach betreffen, will ich übergehen, hingegen drei Krankheiten von allgemeiner Bedeutung kurz berühren. Lungenentzündung, die bei uns von den Nichtärzten für eine auserlesene Erkältungskrankheit gehalten wird, fehlt keineswegs in dem heissen Indien und kommt besonders in der — wärmeren Jahreszeit vor. Lungenschwindsucht ist in Indien sogar häufig; auch Europäer, die schon lange dort weilen, werden davon befallen. Cholera kommt immer vor, aber man macht wenig Aufhebens davon. Als ich mit dem leitenden Arzt, Prof. Sanders, das im Norden von Calcutta, nahe dem Fluss-Ufer belegene Mayo-Krankenhaus für Eingeborene, welches schon 1792 begründet, 1874 neu gebaut worden, besuchte, und von dem Haus-Wundarzt Babu Suresh Prasad Sarbadhikari auf das freundlichste begrüsst wurde, waren gerade zwei Fälle aufgenommen; ein leichterer in den allgemeinen Saal, ein schwererer in ein abgesondertes Gebäude.[454] Die Engländer glauben gegen die Krankheit gefeit zu sein, da sie niemals Wasser trinken; das ist auch gewiss ganz nützlich, aber vollständig ist der Schutz doch nicht. Als ich später nach den Felsengrotten von Ellora im Dekkan fuhr, bat mich ein britischer Officier, ihn in unserem Postwagen mitzunehmen, da er die Gräber der bei der vorjährigen Uebung im Lager an der Cholera verstorbenen Kameraden besuchen wollte. Auch die Einheimischen sind freier von Cholerafurcht, als im vorigen Jahre die Bewohner hochberühmter Weltstädte im Herzen von Europa. In dem Schutzstaat Jaipur (in der Mitte von Nordindien) befand ich mich in der Vorhalle eines Hindu-Tempels, als eine eingeborne Frau den Priester wegen ihrer Krankheit befragte. Er liess sich die Zunge zeigen, befühlte den Puls und sagte kaltblütig, dass sie an Cholera leide, nach Hause gehen und gar nichts thun solle. Thörichter Weise erwachte in mir der ärztliche Feuereifer. Hatte ich doch im Jahre 1866 als blutjunger Doctor, noch vor dem Staatsexamen, in dem Choleralazaret meine Sporen verdient und über tausend Cholera-Kranke behandelt. Ich fühlte gleichfalls den Puls, besah und befühlte die Zunge und erfuhr durch Befragen, dass die Kranke nur Durchfall, kein Erbrechen gehabt. Da erklärte ich ihr, dass sie gar nicht an der Cholera leide, nach Hause gehen und doch etwas thun solle, nämlich sich zu Bette legen, heissen Thee, aber nichts festes geniessen. Leider hatte ich hierbei den wichtigen Grundsatz ausser Acht gelassen, dass der Reisende in der Fremde vergessen müsse, was er zu Hause ist. Die Kranke schüttelte den Kopf und folgte dem Priester.
Da nun eben Indien die Heimath der verheerenden Seuche darstellt, so verlohnt es wohl, mit wenigen Worten auf die wichtigsten Thatsachen einzugehen. Die alten Griechen (auch schon Hippocrates, der Vater der Heilkunde, im 5. Jahrhundert v. Chr., sowie der aus den Griechen schöpfende Römer Celsus, zur Zeit Nero’s,) haben den Brechdurchfall mit dem Namen Cholera (χολέρα[455]) bezeichnet. Diesen Namen wählten die englischen Aerzte, welche in Indien zuerst die Brechruhr als Volksseuche beobachteten;[456] dieser Name wurde natürlich beibehalten, als die Seuche 1830 von Ostindien über Persien und Russland nach Europa sich verbreitete. In den klassischen Werken der Hindu-Heilkunde wird der Brechdurchfall[457] genau und zutreffend beschrieben, aber die epidemische Verbreitung nicht erwähnt. Obwohl bereits im 17. und 18. Jahrhundert einzelne Epidemien von grosser Ausbreitung und Heftigkeit in Indien gewüthet, so beginnt der eigentliche Seuchenzug erst im Jahre 1817 zu Jessore nahe dem Meerbusen von Bengalen. Unser Robert Koch hat aus eigner Anschauung die ungünstigen Verhältnisse dieses Ueberschwemmungsgebietes genau geschildert und den von ihm als Ursache der epidemischen oder asiatischen Cholera entdeckten Kleinpilz (Komma-Bacillus) in den auch von mir vorher erwähnten Wassertümpeln der Hindu-Stadt von Calcutta nachgewiesen. Die Zahl der Opfer, welche die Cholera in Indien alljährlich hinwegrafft, ist beträchtlich, sie schwankte von 1882 bis 1890 zwischen 200000 und 475000 jährlich bei einer Bevölkerung von etwa 198 Millionen, betrug also 1,3 bis 2,4 vom Tausend der Bevölkerung.[458]