Da verbrennt der untere Theil des Rumpfes, während der Oberschenkelknochen wie ein Balken aus der Gluth herausragt, bis der Mann mit der Schürstange ihn abschlägt und in die Flammen drängt: da will der Brustkasten, der Schädel nicht zerfallen, bis wiederum die Schürstange mit kräftigen Stössen nachhilft.

Die elfte Treppe ist Kedar Ghat. Nach den heiligen Büchern der Hindu wird die Stadt in drei Theile getheilt, Benares, Kashi und Kedar. Kedar ist auch ein Name für Schiwa oder für seinen heiligen Berg im Himalaya. Dicht bei dem Schiwa-Tempel ist ein heiliger Teich, umgeben von 60 Schreinen, und ferner ein heiliger Stein, 4½ Fuss hoch, 15 Fuss im Umfang, — ein Fetisch.

Am nächsten Ghat werden sogar Schlangen verehrt, ein Ueberbleibsel aus der Religion der Ureinwohner von Indien.

Das vierzehnte ist Someshwar Ghat (von Soma, Mond, und I’shwar, Herr). Dies ist die Poliklinik der Hindu, denn hier werden alle Krankheiten geheilt. Nur nicht die Pocken, für die giebt es eine besondere Treppe, nämlich No. 24, Sitla Ghat. Sitla ist die Göttin der Pocken.

Sie muss aber ihres Amtes nicht gehörig walten, vielleicht ärgert sie sich über die Zähigkeit, mit welcher die Engländer in Indien die Schutzpocken-Impfung durchsetzen: jedenfalls habe ich nirgends so viele Pockennarbige gesehen, wie in manchen Theilen von Indien.

Das zweiundzwanzigste ist Munshi-Ghat, das schönste von allen, oben gekrönt mit einem prachtvollen Palast im reinen Hindu-Stil mit wandständigen, schön gegliederten Säulen. Der Erbauer war Munshi Shri Dahar, Minister des Rajah von Nagpur.

Aber das merkwürdigste von allen ist das fünfundzwanzigste, Dasashwamedh Ghat. Es hat seinen Namen von den zehn[475] Rossen, die Brahma hier geopfert haben soll; gehört zu den fünf heiligsten Wallfahrtsorten; ist oben ganz besetzt und rings umgeben von zahlreichen Spitzdomen der Tempel und von riesigen Sonnenschirmen, unter denen der Priester zu einer kleinen Schaar von Frommen und Getreuen redet; und immer gedrängt voll von Pilgern und Andächtigen, so dass die Treppenstufen nicht ausreichen, sondern kleine Holzbänke auf Pfählen von dem benachbarten Theil des Ufers aus in den Fluss vorgeschoben werden. Auf diesen Holzbänken liegen auch Kranke, denen von ihren Angehörigen das heilkräftige Wasser des grossen Ganges verabreicht wird. Diese Treppe wird gewöhnlich abgebildet, um die heilige Stadt Benares zu kennzeichnen.

Hier steigt der Reisende aus, um die religiöse Begeisterung des Hindu-Volkes aus der Nähe zu betrachten. Sein Blick fällt auch auf einige niedrige Steinsäulen neben den Treppen; das sind Zeugnisse der Glaubenswuth: Satí,[476] Denksteine für lebendig mit dem todten Gatten verbrannte Wittwen.

In den alten Rig-Veda der Arier war dieser fürchterliche Gebrauch ganz unbekannt. Die Verse, welche von den Brahmanen später zu Gunsten der Wittwen-Verbrennung angeführt wurden, haben offenbar die entgegengesetzte Bedeutung: „Steh auf, o Weib, komm zu der Welt des Lebens. Komm zu uns. Du hast deine Pflichten als Weib gegen deinen Gatten erfüllt.“ Aber seit jener dunklen Zeit, wo die Lichtgötter der Veda der Dreieinigkeit der Brahmanen und dem Pantheon der Hindu-Religion weichen mussten, hatte der Gebrauch feste Wurzeln geschlagen und erlangte im Laufe der Jahrhunderte die Heiligkeit eines religiösen Gesetzes. Der weise und grosse Akbar (1556–1605 n. Chr.) erliess ein Verbot dagegen, konnte aber die Sitte nicht ausrotten. Im Anfang ihrer Herrschaft wagten die Engländer nicht, die frommen Ueberlieferungen des Volkes zu verletzen. Im Jahre 1817 sollen allein in der Provinz Bengalen 700 Wittwen lebendig verbrannt worden sein. Alle heiligen Wallfahrtsorte der Hindu sind noch heute mit den kleinen, weissen Pfeilern besetzt, den Denksteinen einer Satí. Trotz des Widerstandes sowohl von Europäern wie auch von Eingeborenen hat der verdienstvolle General-Gouverneur Lord William Bentinck am 24. December 1829 es durchgesetzt, dass alle, die der Wittwen-Verbrennung Vorschub leisten, des Mordes schuldig erklärt werden. Seitdem hat in dem englischen Gebiet die Wittwen-Verbrennung aufgehört. In den Schutz-Staaten aber soll sie noch gelegentlich, wiewohl selten, vorkommen.