Einige Schritte weiter zu der nächsten Treppe (Man Mandir Ghat) bringen uns einen erfreulicheren Anblick, den der Sternwarte. Diese gehört zu den stattlichsten Gebäuden am Fluss-Ufer von Benares und besitzt einen mit zierlichen Säulen und Tragsteinen geschmückten Erker. So schön wie das Gebäude vom Fluss aus erscheint, so prachtvoll ist die Aussicht von oben auf die Ufer und die Stadt. Der Erbauer war Rajah Jai Singh (1705), Herrscher von Amber und Jaipur. Von Mohammed, dem Kaiser von Delhi, aufgefordert, den Kalender zu verbessern, stellte er astronomische Beobachtungen an und veröffentlichte sie in Sterntafeln, die noch heute vorhanden sind[477] und die einige Angaben von de la Hire (1702) berichtigen; doch soll Europäern (katholischen Missionären) das Hauptverdienst um seinen Ruhm zukommen.

Jai Singh hat von 1705 bis 1735 fünf Sternwarten erbaut, zu Benares, Delhi, Jaipur, Muttra, Ujjain. Die drei ersten hatte ich Gelegenheit zu sehen; die zu Benares ist am besten erhalten.

Die Instrumente sind sehr gross angelegt; der mächtige Durchmesser der Kreistheilungen soll Genauigkeit der Beobachtung sichern.[478] Da ist der Quadrant in einer Mauer von 11 Fuss Höhe und 9 Fuss Breite, um Zenith-Abstand und grösste Declination der Sonne und somit den Breitengrad festzustellen; eine Mauer von 36 Fuss Länge und 4½ Fuss Dicke, im Meridian aufgestellt, an dem einen Ende 6 Fuss 4¼ Zoll, an dem andern 22 Fuss 3½ Zoll hoch und ganz allmählich abgeschrägt, um auf den Nordpol zu zeigen, so dass Rectascension und Declination der Sterne bestimmt werden kann; sehr grosse getheilte Kreise, um den Schatten der Sonnenuhr genau festzustellen — und noch zahlreiche ähnliche Einrichtungen.

Die Sternkunde der Brahmanen ist in übertriebener Weise bald bewundert, bald missachtet worden. Die vedischen Gesänge kennen eine leidlich richtige Berechnung des Sonnenjahrs, das sie in 360 Tage eintheilen, mit einem Schaltmonat nach je fünf Jahren; sie kennen die 27 bis 28 „Wohnungen“ des Mondes und einige Fixsterne. Bald nach der Zeit der Veda werden die Planeten (graha, Greifer), erst sieben, dann neun, mit echten Sanskrit-Namen erwähnt; weit später die Zeichen des Thierkreises und der sogenannte vedische Kalender.

Aber erst der Einfluss der Griechen befähigte die Brahmanen zu wissenschaftlichen Sternbeobachtungen; in ihrem Hauptwerk aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. stehen die griechischen Namen der Planeten neben den indischen. Doch übertrafen sie ihre Lehrer und verbreiteten ihren Ruhm bis nach Europa, wovon das Chronikon Paschale (von 330 bis 641 n. Chr.) Zeugniss ablegt, und wurden ihrerseits wieder von ihren Schülern und Nachfolgern, den Arabern, übertroffen. Seit der mohammedanischen Eroberung Indiens sank die Astronomie der Brahmanen, nur wenige Hindu stellten noch Beobachtungen an; der bedeutendste war der genannte Jai Singh.

Das dreiunddreissigste ist Manikaranika Ghat, nicht bloss einer der fünf heiligen Wallfahrtsorte, sondern der allerheiligste, gleichzeitig der Mittelpunkt der Stadt.

Oberhalb der Treppe liegt der Manikaranika[479]-Brunnen, zu dem Stufen hinab führen und dessen Oberfläche ganz und gar mit Blumen-Opfern bedeckt ist und wegen der Zersetzung der Pflanzentheile höchst widrige Gerüche aushaucht. Trotzdem baden die Frommen darin und trinken davon. Die Engländer haben, um die Forderungen europäischer Gesundheitslehre mit dem asiatischen Glaubenseifer zu versöhnen, eine Inschrift angebracht, dass, nachdem zur Jubelfeier der Königin Victoria dieser ehrwürdige Platz gereinigt worden sei, alle braven Leute aufgefordert würden, den reinen Zustand zu erhalten. Es muss also früher noch weit schlimmer gewesen sein.

Zwischen dem Brunnen und den Treppenstufen liegt der Tempel von Tarkeshwara,[480] dem Erlöser, und dabei die hochverehrten Fusstapfen von Wischnu.

Unter diesem Tempel ist der Hauptverbrennungsplatz. Das Feuer zum Anzünden der Scheiterhaufen muss aus dem benachbarten Hause eines Domra, eines Mannes von sehr niedriger Kaste, geholt werden; von sehr reichen Leuten lässt er sich dafür 1000 Rupien bezahlen.

Nahe dem Ende der Stadt, über dem heiligen Panch-Ganga-Ghat,[481] sieht man die Moschee, welche der Kaiser Aurangzeb (1658 bis 1707), ein glaubenswüthiger Muselmann, den Hindu zum Hohn, an Stelle eines zerstörten Krischna-Tempels erbaut hat; die beiden schlanken,[482] ja kühnen, 130 Fuss hohen Minarets erheben sich stolz in die Lüfte, alle Hindu-Tempel weit überragend: ein prachtvoller Anblick vom Fluss aus. Jetzt, wo die Macht der mohammedanischen Herrscher gebrochen ist, haben die Hindu, denen unstreitig der Platz gehört, den Muselmännern den Haupteingang zur Moschee zugemauert, so dass die Gläubigen durch ein Seitenpförtchen hinein schlüpfen müssen.