Die letzte Treppe ist Raj Ghat an der Eisenbahnbrücke.
So schön Benares vom Fluss her aussieht, so wenig reizvoll ist es im Innern. Allerdings führt ein bequemer Fahrweg durch leidlich breite Strassen vom Cantonment bis zu dem belebten Markte in der Nähe der Sternwarte, wo man die Boote zu besteigen pflegt.
Auf diesem Markt genoss ich das Schauspiel einer Gauklerin, welche unter Trommelbegleitung ihre Gliederverrenkungen und Kunststücke mit scharfen Schwertern ausführte. Gegen Abend ist hier ein grosses Gedränge, wenn die Frucht- und Kleinhändler ihre Schätze auf der Erde auslegen.
Aber die meisten der in der Nähe des Fluss-Ufers gelegenen Strassen sind eng und unfahrbar. Die Haupttempel muss der Reisende zu Fuss aufsuchen; und wenn er dabei dem dichten Gedränge der Pilger aus allen Gegenden Indiens begegnet, so begreift er die verborgne Kraft, die noch heute in der Hindu-Religion lebt und trotz aller Milde des Hindu-Charakters gelegentlich in eine blutige Fehde mit den Mohammedanern, wie im Sommer 1893, ausbricht. In Benares macht der Pilger die Runde über alle Treppen, durch alle Tempel und bekommt schliesslich in einem (Sakhi Bunjanka, d. h. Zeugniss-Tempel) ein schriftliches Ablass-Zeugniss, dass er die Pilgerschaft regelrecht vollendet hat.
Das Allerheiligste in Benares ist der goldene Tempel, dem Schiwa geweiht. Das Innere können wir wegen des Andrangs der Pilger nicht genau sehen, müssen vielmehr in der engen Gasse den Laden, wo die Opferblumen verkauft werden, betreten und eine Treppe hoch steigen; dann sehen wir auf das Dach des quadratischen Tempels mit drei kleinen Thürmchen, von denen zwei mit Kupfer- und Goldplatten gedeckt sind; der eine gehört zum Tempel von Mahadeo, der andere zu dem von Schiwa oder Bisheshwar.[483]
In der Nähe ist der von einer berühmten Säulenhalle umgebene Brunnen der Weisheit (Gyankup), in welchen der Hohepriester die Bildsäule des Schiwa warf, als Aurangzeb den alten Tempel zerstörte. Seine Unannehmlichkeit ist nicht geringer, als die des nahe beschriebenen, — trotzdem trinkt jeder Pilger daraus. Sehr lästig ist auch die grosse Zahl der frommen Menschen und der dem Schiwa heiligen Kühe, die beide mit grosser Achtung behandelt werden müssen.
Die Kühe wissen ganz gut, welche Stellung sie hier einnehmen, und wandern zwanglos zum nächsten Gemüsehändler, wenn es ihnen beliebt, etwas zu naschen.
Der Tempel der Durga, der Gattin von Schiwa in ihrer schrecklichen Form, welcher täglich blutige Ziegenopfer dargebracht werden, heisst bei den Europäern gewöhnlich der Affen-Tempel, weil Hunderte von Affen in den benachbarten Bäumen wohnen und sich am Eingang drängen, so dass man am besten thut, für einige Kupferstücke Früchte zu kaufen und sie an die kecken Thiere zu vertheilen. Der Haupttempel erhebt sich auf einer Platform und wird von zwölf Säulen getragen.
Im Ganzen machen die Heiligthümer von Benares auf uns keinen erhebenden Eindruck, weder der Tempel der Planeten (Saturn und Venus), noch der des Elephantengottes, noch endlich der der Nährgöttin Annapurna,[484] wo die Bettler das Vorrecht besitzen, den Ankömmling zu brandschatzen.
Nächst den Tempeln gehören zu den Merkwürdigkeiten die Bazare. Ganze Strassen sind mit Läden und Buden gefüllt, wo die berühmten Metallarbeiten von Benares verfertigt und feilgehalten werden.