Aus freier Hand hämmert der Künstler auf den kleinen Meissel, der die geometrischen Verzierungen in dem Messingteller ausgräbt. Teller, Vasen, Wassergefässe, Löffel, Leuchter, Büchsen und hundert andre Dinge für den häuslichen Gebrauch und den Gottesdienst der Eingeborenen und auch für den Bedarf des neugierigen Reisenden werden vor unseren Augen fertig gemacht, ausgelegt und angeboten. Natürlich wird für die Ausfuhr und für die unkundigen Fremden reichlich Schundwaare hergestellt. Kostbare Stücke sieht man in einzelnen Läden und in der Verkaufsausstellung unsres Gasthofbesitzers.
Benares ist auch die eigentliche Götterfabrik für die Hindu. Für die kleinen Bildsäulchen der Götter (Schiwa, Durga, Ganesa) lieben sie eine Mischung von acht Metallen, nämlich ausser Kupfer und Zink noch Gold, Silber, Eisen, Zinn, Blei und Quecksilber. Aber die Priester haben nicht verfehlt, seit alter Zeit die Verehrung von silbernen und goldnen Götterbildern als ein besonders verdienstvolles Werk zu preisen und ein bestimmtes Mindestgewicht festzusetzen! Die kleinen Thonbilder der Gottheiten müssen nach dem täglichen Hausgottesdienst in den Fluss geworfen und also jeden Tag erneuert werden. Die grösseren Götterbilder für die Tempel werden erst gegossen und dann mit Meissel und Feile fertig gestellt; oder auch aus Holz geschnitzt.
Der zweite Hauptgegenstand des Kunsthandwerks von Benares sind Gewebe, besonders Brokate (Kincob) mit Thierdarstellung (namentlich Jagden) in Gold und den verschiedensten Farben. Die kostbarsten werden mit Gold aufgewogen. Aber das meiste, was die endlose Reihe von Buden und Läden füllt, ist wieder einfachere Waare für den Hausgebrauch und Kleinigkeiten für den sammelwüthigen Reisenden.
Das Menschengewühl gegen Abend in den engen Gassen und auf den Marktplätzen ist gradezu erstaunlich. Hier erlebte ich ein kleines Abenteuer. Mein Reisebuch (Murray’s Handbook to India) in dem bekannten rothen Einband war von dem Sitz meines offnen Wagens verschwunden: ob heruntergefallen, oder gestohlen, konnte ich nicht ermitteln. Da ich mir einige Bemerkungen eingezeichnet, wollte ich das Buch gern wieder bekommen und meldete den Verlust auf der Polizei an.
Das Gebäude war scheunenähnlich und dunkel, alle Polizisten eingeborene, auch der Oberste des Englischen nicht mächtig. Es war ziemlich zeitraubend, mit Hilfe des Führers die Verhandlung aufzunehmen, am schwierigsten aber meinen Namen aus der englisch gedruckten Visitenkarte mit persischen Buchstaben in den Verhandlungsbericht zu übertragen. Uebrigens habe ich mein Buch nicht wieder bekommen, hatte aber auch keine Gebühren zu zahlen.
Bei dieser Gelegenheit möchte es sich verlohnen, einige Worte über die einheimischen Sprachen Indiens zu sagen. Um den Beginn unserer Zeitrechnung sassen in Nord-Indien Völker, in denen das arische Element zur Herrschaft gelangt war: sie hatten eine hochentwickelte Schrift-Sprache, das Sanskrit, und redeten damit verwandte, aber einfachere Mundarten, Prakrit. Sie bezeichneten die nichtarischen Urvölker im Süden von Indien als Mlechchhas, d. h. Völker mit gebrochener Sprache. Als die Europäer im 17. Jahrhundert n. Chr. in Indien Fuss fassten, hatte sich Alles geändert. Sanskrit war eine todte Sprache, Prakrit war umgewandelt in neuere Formen, die schon eine volksthümliche Literatur entfalteten; die nichtarischen Völker des Südens hatten ihre eigenthümlichen Sprachen entwickelt und eine reiche Literatur geschaffen.
Die jetzt in Indien gesprochenen arischen Sprachen enthalten drei Elemente: 1) Tatsama, d. h. dasselbe, oder aus dem Sanskrit entlehnt. 2) Thadbhava, d. h. ähnlich von Natur. 3) Desaja, d. h. im Lande geboren, nicht-arisch. Der Hauptbestandtheil gehört zur zweiten Klasse. Folgende Sprachen sind zu unterscheiden: 1) Sindhí, an der Nordwestgrenze, enthält viele nicht-arische, wenig Sanskrit-Worte. 2) Punjabi. 3) Hindi und 4) Gujaráti enthalten meistens Prakrit-Worte. 5) Mahrati. 6) Bengali. 7) Uriya, die Küstensprache von der Gangesmündung abwärts. Jede dieser Sprachen, mit Ausnahme der ersten, besitzt eine eigene reiche Literatur. Hindi, die Verkehrssprache der Gebildeten, reicht am weitesten, wie ich auch von britischen Officieren erfuhr und selber merkte, da sie in dieser Sprache mit den Sepoy in Calcutta wie in Bombay und auf Aden verkehrten. Hindostani oder Urdu (wörtlich Lager-Sprache), ein Dialect des Hindi, ist die Sprache der Mohammedaner in Indien, in Agra und Delhi; die Bücher über Heilkunde der Medicinschule zu Agra sind in dieser Sprache mit persisch-arabischen Buchstaben gedruckt. — Dravidische Sprachen in Süd-Indien giebt es hauptsächlich vier; die wichtigste ist Tamil. Buddhisten, welche stets die Volkssprachen begünstigten, haben seit dem 9. Jahrhundert n. Chr. ihre Literatur begründet.
In der europäischen Ansiedlung, die, wie in allen Städten des Innern von Indien, sehr geräumig, mit grossen Gärten und breiten Wegen, angelegt ist, giebt es nur wenig Merkwürdigkeiten. Da ist zuerst die Münze, ein einfaches, aber festes Gebäude, in welchem die Engländer zur Zeit des grossen Aufstandes (1857) Zuflucht fanden. Da ist das gelbe Gartenhaus (yellow bungalow), wo Warren Hastings lebte, und die Sonnenuhr, die er errichten liess. Da ist ein Gymnasium (Queens college), im hässlichsten englischen Stil erbaut. Als ich das Gebäude betrat, um pflichtschuldigst das im Reisebuch verzeichnete Museum der Alterthümer zu betrachten, fertigte mich der eingeborene Director ziemlich hochmüthig und kurz ab und bedeutete mir, dass die Alterthümer jetzt in Calcutta wären. „Der Director ist grob“, bemerkte einer der vorlauten, grossgewachsenen Jünglinge, die mit ihren Büchern unter dem Arm aus dem Gebäude traten. Meiner Gepflogenheit folgend, fragte ich sie sofort, was sie werden wollten, und was sie eben gelernt hätten. Sie antworteten, dass sie Rechtswissenschaft studiren wollten und eben Euklid gelernt hätten. Nun fragte ich weiter, ob sie mir den pythagorēischen Lehrsatz nennen könnten. Keiner wusste es. Als ich ihnen aber die Figur mit dem Sonnenschirm-Stiel in den Sand kritzelte, lachte der vorlaute Jüngling und sagte: „O Herr, das wissen wir ganz gut. Aber weshalb brauchest du so pompöse Worte für einfache Dinge?“ Er hatte Recht.
Das einzige von Alterthümern, was noch in dem Garten des Gymnasiums gefunden wird, ist ein alter Obelisk aus Gazipur mit einer Gupta-Inschrift, die ich natürlich nicht entziffern konnte und auch im Reisebuch nicht vorfand. Ferner wird hier in einem kleinen Teich ein kummervolles Krokodil gehalten; zu welchem Zweck, konnte ich nicht erfahren.
Zwei Ausflüge kann man von Benares machen. Erstlich nach Sarnath oder Alt-Benares. Dieselbe Stadt ist heilig den Brahmanen und Buddhisten. Nach der grossen Stadt Benares zog Buddha vor 2½ Jahrtausenden, um dem versammelten Volke seine Lehre zu predigen. Von hier zogen die Sendboten seiner Lehre aus, durch Indien bis nach Ceylon und nach Nepal, Tibet und China. Bhuila (Kapilavustu), wo Siddharta geboren ward; Gaya, wo er Buddha wurde; Sarnath, wo er zuerst predigte; Kasia, wo er gestorben ist: das sind die vier heiligen Orte der Buddha-Gläubigen. Die frommen buddhistischen Pilger aus China, deren Reisebeschreibungen zum Glück bis auf unsere Tage gekommen, haben Sarnath in den Tagen seines Glanzes gesehen.