5) Die beiden sehr belebten Bazare der Stadt zeigen uns Silber-, Gold- und Juwelier-Arbeiten, Stickereien, Waaren, Thonfiguren und Pfeifen,[497] sehr hübsch bedruckte Baumwollenzeuge in grosser Auswahl. Obwohl die Unterstützung des Hofes der Könige von Oudh fortgefallen, leben doch noch viele reiche und vornehme Eingeborene in Lucknow, so dass die Arbeiter keinen Mangel an Bestellungen verspüren. Nachmittags ist das Gewühl in den Bazaren so gross, dass dann in den Bazar-Strassen jeder Verkehr mit Wagen, Pferden, Kameelen, Elephanten durch die Behörden verboten ist.

6) Das Cantonment ist wieder sehr geräumig angelegt, enthält eine Befestigung, die Bungalow der Officiere in hübschen Gärten, die Barracken der Besatzung und auch einzelne europäische Läden und Geschäfte, sowie unser Gasthaus.

Eine hübsche Parkanlage (Wingfield Park) giebt Gelegenheit zu Spazier-Gängen und -Fahrten.

7) Dilkusha, „Herz erweiternd“, ist ein zerstörtes Jagdschloss; hier starb am 24. November 1851 General Havelock an seinen Wunden.

8) Sikandara Bagh, ein grosser Garten ausserhalb der Stadt mit einer festen Mauer umgeben, von Wajid Ali für eine seiner Damen zu ihrem Vergnügen errichtet, war am 16. November 1857 Schauplatz eines schrecklichen Trauerspiels. 2000 der aufrührerischen Sepoy hatten hier Zuflucht gesucht und wurden bis zum letzten Mann von dem 43. Regiment (Hochländer), dem 52. und dem 4. Regiment der Sikhs mit dem Bajonet niedergemacht.

9) Die Martinière ist ein steinernes Zeugniss von jenen europäischen Abenteurern, die an den Höfen der Grossmogul und der Könige von Oudh ihr Glück machten.

Claude Martin wurde 1735 in Lyon geboren und ist 1800 zu Lucknow gestorben. Er kam 1758 auf der französischen Flotte nach Indien, gerieth in Gefangenschaft bei den Engländern, diente unter diesen als Capitän mit Auszeichnung und gelangte 1773, ohne seinen Rang in der englischen Armee aufzugeben, an den Hof des Nawab von Oudh. Hier eröffnete er Banken und andere Geschäfte, baute Häuser und Paläste, pflanzte Indigo, goss Kanonen, machte Pulver und schlug Münzen für den Fürsten und lieh ihm gelegentlich auch Geld, führte europäische Waaren ein, wurde General (Lieutnant-Colonel) und sammelte ein ungeheures Vermögen. Dieses vermachte er schliesslich zur Gründung von Erziehungsanstalten in Lucknow, Calcutta und Lyon. Aber, da sein letzter Wille sehr ausführlich von ihm selbst in schlechtem Englisch aufgesetzt war, so wurde viel Zeit und Geld verloren, ehe es gelang, das englische Gesetz mit der Grammatik zu versöhnen.

Das Gebäude, welches er 2½ Kilometer südöstlich von Sikandara Bagh zu seinem Wohnsitz errichtete, heisst nach ihm la Martinière oder Constantia-Haus, da es die Inschrift führt: „Labore et Constantia.“ Asaf-u daulah soll ihm 1 Million £ dafür geboten haben; aber er starb, ehe der Handel vollendet war; und Martin starb, ehe das Gebäude fertig wurde.

Der Bau ist recht unregelmässig, in einem verdorbenen italienischen Styl, wohl nach den eigenen Plänen des würdigen Generals, angelegt. Auf einer ziemlichen Erhebung, zu der eine Freitreppe emporführt, steht der grillenhafte, mehrstöckige Thurm mit dem Dom aus zwei sich schneidenden Halbkreisbögen und die beiden, an das Mittelgebäude sich anschliessenden, pfeilergeschmückten, gebogenen Seitenflügel. Löwen, Mandarinen, Damen und allerlei Gottheiten schmücken die Dächer.

Jetzt ist hier eine Anstalt, in der 150 Knaben kostenfrei erzogen und unterrichtet werden. Ich sah einige von ihnen im Garten; sie waren munter mit dem Ballspiel beschäftigt. Aber ich will nicht unerwähnt lassen, dass ihre Vorgänger 1857 in der belagerten „Residenz“ als Krankenpfleger, Boten und sogar als Kämpfer sich ausgezeichnet haben. Vor dem Schloss liegt ein kleiner See, aus dem eine sonderbare jonische Säule 130 Fuss hoch emporsteigt und oben mit einer Laterne gekrönt ist.