Cawnpur.
Nachmittags 6 Uhr fahre ich von Lucknow nach Cawnpur, am rechten Ufer des Ganges, der auf einer 862 Meter langen eisernen Gitterbrücke überschritten wird. (25 englische Meilen in zwei Stunden für 3 Rupien, Cawnpur-Zweig der Oudh- und Rohilkand-Eisenbahn.)
Lee’s Eisenbahn-Hotel ist nicht mit seinen Namens-Vettern in Berlin oder London zu vergleichen. Es stellt die Urform des indischen Gasthauses dar, die aus dem Rasthaus (in Ostindien Dak Bungalow genannt,) hervorgegangen: ein längliches Speisezimmer, in das etwa sechs Schlafzimmer einmünden. Dem entsprechend ist auch die Verpflegung mehr als einfach, nämlich schlecht; aber der Preis ist nur wenig geringer, als in den besseren Gasthäusern zu Benares und Lucknow.
Cawnpur bedeutet die Stadt des Kanh, d. h. des Landwirthes; damit ist Gott Krishna gemeint. Alt-Cawnpur lag 2 englische Meilen nordwestlich von der neuen Stadt; die letztere hat nach der Besiegung des Nawab-Wezir von Oudh (1764/65) um das den Engländern zugestandene befestigte Lager am rechten Ufer des Ganges seit 1777 sich erhoben. Sie hat keine bemerkenswerthen Bauwerke aufzuweisen, zählt aber (mit dem Cantonment) 188712 Einwohner, ist also nach der Bevölkerungszahl die neunte Stadt von Ostindien. Ihre wirthschaftliche Bedeutung beruht erstlich in den Fabriken von Lederwerk, Schuhen (für die Soldaten) und Pferdegeschirr, in grossen Baumwollen-Webereien und Druckereien, in dem Getreidehandel, der durch die schiffbaren Wasserwege und die vier hier sich kreuzenden Eisenbahnen (von Lucknow, Allahabad, Jhansi, Agra) gefördert wird, endlich noch in dem mächtigen Ganges-Canal, der hier seinen Ausgang nimmt.
Von alten Zeiten her hatten die Hindu in dem Doab (Zweistromland zwischen Ganges und seinem Hauptnebenfluss Jumna) sich bestrebt, den Segen dieser Ströme durch Canäle weiter zu verbreiten.
Aber erst die Engländer haben es 1848 unternommen, durch das Riesenwerk des Ganges-Canals die in dürren Zeiten an Hungersnoth[498] leidende Gegend zu bewässern. Der Canal reicht von Hardwar (30° nördlicher Breite, 78° östlicher Länge) bis Cawnpur (26½° nördlicher Breite, 80° östlicher Länge). Die Entfernung in der Luftlinie beträgt etwa 300 englische Meilen = 480 Kilometer. Von den beiden Hauptzweigen des Ganges-Canals führt der eine in die Jumna. 1878 ist noch der untere Ganges-Canal hinzugekommen und bis Allahabad, dem Zusammenfluss von Jumna und Ganges, fortgesetzt worden. Die schiffbaren Canäle haben eine Länge von 1050 Kilometer, hierzu kommen noch 5000 Kilometer Vertheilungs-Canäle. Die Anlage kostete bis 1891 Rx 7440501.[499] Der Reingewinn betrug 1890/91, nach Zahlung der Zinsen, Rx 104110 oder 1,4 Procent des Capitals.
Diese Canäle sind das beste, was die Engländer für Indien gethan haben. Mit grosser Befriedigung sah ich den Canal bei Cawnpur mit Getreidebarken dicht besetzt, und die stattlichen Schleusenwerke.
Aber die Reisenden kommen nach Cawnpur nicht wegen der Lederfabriken und nicht wegen des Ganges-Canals, sondern wegen der geschichtlichen Erinnerung aus der Zeit der Meuterei. Als diese begann, war in dem ausgedehnten Cantonment eine starke bürgerliche Bevölkerung, jedoch nur 60 englische Soldaten und 3000 Sepoy. General Sir Hugh Wheeler beging zwei Fehler. Erstlich betraute er Nana Dundu Panth (Nana Sahib), eines abgesetzten Marathen-Fürsten (Peschwa) Pflegesohn, der in dem Process um die Fortbezahlung des Ruhegehaltes einen grossen Theil seines Vermögens eingebüsst, mit der Bewachung des Schatzes. Zweitens befestigte er leider nicht das Magazin am Fluss, weil er fürchtete, durch Misstrauen den Aufstand der Sepoy-Wache zu beschleunigen; sondern umzog ganz unzweckmässiger Weise in der Ebene den Standort von zwei Baracken mit einem 4 Fuss hohen Erdwall, forderte und erhielt einige Verstärkungen von Sir H. Lawrence aus Lucknow und nahm die Nicht-Kämpfer am 22. Mai 1857 in die Umwallung. Am 4. Juni meuterten die Sepoy, plünderten den Schatz und das Magazin, das Munition und Kanonen enthielt; am 6. Juni wurde Wheeler von dem verrätherischen Nana, der den Oberbefehl über die Meuterer übernommen hatte, gewarnt, dass der Angriff beginnen werde.