1000 Menschen waren in der schwachen Umwallung, darunter 300 englische Soldaten, und trotzten kühn dem mörderischen Feuer der 3000 gut bewaffneten Belagerer. Nahrungsmittel wurden sparsam. Der einzige Brunnen gehörte zu den am wenigsten gedeckten Plätzen. Hier starb der Wundarzt den Heldentod, da er Wasser für seine Verwundeten holte. Im Dunkel jeder Nacht wurden die Todten herausgetragen zu einem tiefen Schacht ausserhalb der Umwallung. Ueber 250 wurden so in drei Wochen begraben. Ein allgemeiner Sturm am 23. Juni wurde kräftig zurückgeschlagen. Am 26. wurde ein Waffenstillstand von Nana angeboten und von den Engländern angenommen. Sie sollten ihre Befestigung, die Kanonen und den Schatz übergeben und mit ihren Waffen und jeder Mann mit 60 Patronen frei abziehen zum Fluss, um in Böten flussabwärts nach Allahabad befördert zu werden. Am 27. früh marschirten die Ueberlebenden nach der Flusstreppe (Sati Chaura Ghat), aber sie waren noch nicht alle eingeschifft, als plötzlich ein Horn ertönte, die einheimischen Bootsleute rasch aus den Böten kletterten, und nun ein mörderisches Feuer aus Musketen und Kanonen auf die zur Schlachtbank gelieferten Opfer erfolgte. Alle wurden getödtet bis auf 125 Frauen, die zum Theil verwundet und halb ertrunken nach Cawnpur gebracht wurden. Ein Boot trieb flussabwärts, aber nur vier Männer, vorzügliche Schwimmer, konnten sich retten, die übrigen 80 wurden eingefangen, die Männer gleich niedergeschossen, die Frauen und Kinder zu den 125 gebracht, in ein kleines Haus, Bibi garh, wo zwischen dem 1. und 14. Juli 28 starben.

Aber schon am 7. Juli rückte General Havelock mit 1000 britischen Soldaten, 130 Sikh und 6 Kanonen von Allahabad aus, schlug den Angriff von Nana’s Heer am 12. bei Belindah, in der Nähe von Fatepur zurück und wiederum am 15. Juli. Als Nana, der schwelgerisch in einem Palast lebte, nun merkte, dass Havelock siegreich vorrücke, gab er Befehl, die Frauen und Kinder zu tödten. Seine Sepoy schossen absichtlich vorbei; eine Rotte von Schlächtern mit langen Messern musste das Werk verüben; am nächsten Morgen wurden die Leichen, die Sterbenden und einige fast unverletzte Kinder in einen tiefen Brunnen geworfen.

Darauf rückte Nana mit 5000 Mann und gewaltiger Artillerie dem General Havelock entgegen, aber die Schlacht am 16. Juli endigte mit wilder Flucht der Meuterer. Nana Sahib floh nach Nepaul und ist dort wahrscheinlich gestorben.

Bevor Havelock das Cantonment erreichte, erfuhr er die Trauerkunde der schmählichen Metzelei.

Vier Monate später war Cawnpur wiederum die Scene blutigen Kampfes. Sir Colin Campbell marschirte am 9. November von dort zum Entsatz von Lucknow und liess, zum Schutz seines Stützpunktes, 500 Briten mit 4 Kanonen zurück. Als er am 27. November nach Cawnpur zurückmarschirte mit 2000 Frauen, Kindern, Kranken und Verwundeten, die er aus Lucknow gerettet, sah er die Stadt in Flammen; die Briten waren von Tantia Topi, dem Haupt der Gwalior Meuterer, etwa 15000 Mann, besiegt worden. Aber am 6. December stürmte Sir Colin das Lager der Meuterer und trieb sie in wildeste Flucht.


Am nächsten Morgen, dem 12. December, um 8 Uhr, besteige ich den Einspänner,[500] um die denkwürdigen Plätze von Cawnpur zu besichtigen. Mein Führer ist Morton, ein ehemaliger Soldat, der zwar nicht dabei gewesen, aber doch so lebhaft erzählt, als ob er einer der vier Ueberlebenden sei und mit Campbell sowohl Lucknow entsetzt, als auch Cawnpur von den Gwalior gesäubert.

Es ist angenehm kühl. Wir fahren zuerst nach der Umwallung (Entrenchement). Von dem Wall ist nichts mehr zu sehen, aber der Umfang des Platzes ist durch eine Hecke bezeichnet, und innen auch noch die Stelle, wo die Baracken gestanden, sowie der Brunnen.

In der Nähe ist ein Gedächtnissstein für die, welche zuerst (am 27. Juni) ihren Tod fanden, und ein andrer für die 70 Soldaten und Officiere, die dem Gemetzel entronnen waren, aber von den Meuterern eingefangen und am 1. Juli ermordet worden.

Eine stattliche Doppelreihe der schönsten Baracken britischer Truppen erweckt in uns die Hoffnung, dass ein neuer Aufstand auf ernstere Hindernisse stossen würde. Die Erinnerungskirche neben dem Platz der ehemaligen Umwallung ist im romanischen Stil erbaut, für 20000 £, und 1875 eingeweiht worden. Glasmalereien in den Fenstern geben ein Dämmerlicht, die Wände sind mit Gedenktafeln geschmückt.