Der Küster, ein Unterofficier, legt dem Reisenden das Kirchenbuch vor, damit er seinen Namen einzeichne und eine Gabe zur Erhaltung der Anlagen spende. Mit meiner Wenigkeit zusammen, hatten da hinter einander, binnen 24 Stunden, sieben von den etwa fünfzehn Globetrottern, die am 1. September 1892 von Vancouver auf der Empress of Japan abgesegelt, ihre Namen verzeichnet!
Die Mord-Treppe, 1,3 Kilometer nördlich von der Kirche, führt von einem zerfallenen Schiwa-Tempel, dessen Wiederherstellung von den Einheimischen nicht gewagt und von den Engländern wohl auch nicht erlaubt wird, hinab zu dem Ganges-Fluss. Kein Eingeborener ist hier zu sehen. Herr Morton sprach mit grosser Erbitterung.
Ueber dem Schreckensbrunnen, in welchen die Körper der 200 Opfer geworfen wurden, ist ein kleiner Hügel errichtet und oben innerhalb eines achteckigen gothischen Marmor-Gitters[501] der Engel der Auferstehung, eine Marmorbildsäule von Marochetti, aufgestellt.
Ein friedlicher Garten von 12 Hektaren mit lieblichen Blumenbeeten und schönen Cypressen ist um dies Denkmal angelegt und herrlich in Stand gehalten. Aber kein Einheimischer darf bis heute diesen Garten betreten, trotzdem auf dem grossen Darbár[502] zu Allahabad am 1. November 1858 im Namen der Königin Victoria, die damals die Regierung von Indien in ihre eigne Hand nahm, volle Verzeihung allen zugesichert worden, mit Ausnahme der überwiesenen Mörder. Die Wunde ist nicht völlig geschlossen. Noch heute ist die Zahl der britischen Kaufleute und Handwerker sehr gering in Cawnpur; die nothwendigen Läden werden von Eingeborenen gehalten. Der Uhrmacher ist ein Deutscher, der übrigens recht vielseitig zu sein scheint.
Agra.
Mittags, 2 Uhr 40 Minuten, verlasse ich Cawnpur und fahre auf der East Indian R. (240 englische Meilen = 384 Kilometer, für 15 Rupien,) nach Agra, wo ich Abends 10 Uhr ankomme, nachdem um 7 Uhr Abends auf dem Bahnhof zu Etawah uns 20 Minuten zum Abendessen[503] gegönnt worden.
Die Landschaft, welche wir durchfahren, der südliche Theil der Nordwestprovinzen, der an die Schutzstaaten der Rajputana angrenzt, ist ziemlich einförmig, nicht einmal so abwechselungsreich, wie manche Gegenden von Norddeutschland, die wir auf der Eisenbahn durchfliegen. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man glauben in Europa zu sein, bis gelegentlich ein Kameel und sein Treiber uns an Asien erinnern. Auf den Halteplätzen allerdings belehrt uns das Menschengewühl, dass wir weit von der Heimath entfernt sind.
Da sieht man braune Kinder von drei bis fünf Jahren, die ganz nackt sind und nur einen metallenen Lendengürtel, allenfalls Arm- und Fuss-Ringe tragen, und durch die schwarzgeschminkten Augenlidränder uns sofort uralte Gebräuche des Morgenlandes vorführen. Die Nasenringe der Frauen werden immer riesiger und geschmückter, die Zahl der Armringe immer grösser. Aber man sieht auch sehr viele Frauen, die ihr Gesicht einigermassen verhüllt tragen, also zur Fahne des Propheten schwören.
Laurie’s Great Northern Hotel, ungefähr 1 englische Meile von Agra-Fort-Station, ist grösser und etwas besser als das Gasthaus von Cawnpur.