Vor der Besichtigung des märchenhaften Herrschersitzes der Grossmogul scheint es zweckmässig, die Geschichte der mohammedanischen Eroberungen in Indien an unserem geistigen Auge rasch vorüberziehen zu lassen.

Die weit verbreitete Schulmeinung, dass das reiche Indien den Mohammedanern als leichte Beute zufiel, entbehrt der Begründung. Im Gegentheil, der Halbmond war in seinem Siegeslauf schon durch West-Asien, Nord-Afrika, Süd-Europa bis nach Spanien vorgedrungen, ehe es ihm gelang, im Punjab festen Fuss zu fassen. Zu keiner Zeit hat der Islam über ganz Indien geherrscht; selbst während der Blüthe der Grossmogul (1560–1707) geboten Hindu-Fürsten über weite Landstrecken; allenfalls zahlten sie Tribut nach Delhi. Dann folgte die Wiederbelebung der Hindu-Macht durch die Rajput, Sikh, Marathen; und nur das Vordringen der Engländer im Beginn unseres Jahrhunderts hat verhütet, dass das Kaiserreich von Delhi in die Hände der Hindu fiel.

Der erste Zusammenstoss zwischen Hindu und Mohammedanern, an der Westgrenze des Punjab, ging von den ersteren aus.

Jaipal, der Hindu-Fürst von Lahore, drang 977 n. Chr. nach Afghanistan[504] vor, um die räuberischen Bewohner zu züchtigen, wurde aber mit seinem ganzen Heere von Subuktigin, dem Fürsten zu Ghazni, abgefangen; und als er das versprochene Lösegeld von 1 Million Dirham (= 500000 Mark) gegen den Willen seiner Officiere auf Rath der Brahmanen nicht zahlte, stürmte Subuktigin durch die Pässe und eroberte und besetzte Pescháwar. Sein Sohn Mahmúd von Ghazni(1001–1030) unternahm siebzehn Einfälle nach Indien und schleppte unermessliche Beute fort. Jaipál, zum zweiten Mal besiegt, verbrannte sich demzufolge, nach Hindu-Brauch, feierlich auf dem Scheiterhaufen. Mahmud hinterliess Punjab als West-Provinz seines Reiches. Im Jahre 1152 siegte die Dynastie von Ghor (West-Afghanistan) über diejenige von Ghazni; Mahmud von Ghor begann neue Einfälle nach Indien.

Bei seinem ersten Zug auf Delhi 1191 wurde er von den tapferen Hindu gänzlich geschlagen. Aber als er 1193 mit neuen Schaaren wiederkehrte, fand er die Rajput uneinig, den König von Kanauj am Ganges im Kampf gegen den Fürsten von Delhi; so besiegte er erst Delhi, dann Ajmir, endlich Kanauj.[505]

Die braven Rajput wanderten aus nach Süden und gründeten die Kriegerstaaten, die heute noch ihren Namen (Rajputana) tragen.

Mohammed’s General eroberte 1199 Behar, die Gegend von Patna, und 1203 sogar Unter-Bengal bis zum Delta. Aber Indien war noch nicht völlig überwunden. Der kriegerische Stamm der Gakkar drang aus den Bergen hervor und eroberte Lahore; sie schwammen über den Indus und erstachen den schlafenden Sultan in seinem Lagerzelt, 1206.

Sein Vicekönig Kutab-ud-din erklärte sich zum Selbstherrscher von Nord-Indien zu Delhi und gründete eine Dynastie, die von 1206 bis 1290 regierte und die der Sklaven-Könige heisst, da Kutab ursprünglich ein türkischer Sklave gewesen.

Sein Andenken ist bis auf unsere Tage gekommen durch seine Moschee und seinen Thurm (Minár) zu Alt-Delhi.