Akbar der Grosse, der wirkliche Begründer des Kaiserreiches der Grossmogul,[507] das 200 Jahre lang bestanden, regierte von 1556 bis 1605 und hatte 1594 die Eroberung von Indien bis zu dem Vindhya-Gebirge im Norden des Dekkan vollendet. Seine Herrschaft reichte bis Kabul und Kandahar; und später, nach einem erfolgreichen Heereszug in den Dekkan, bis Kandesh bei Bombay. Akbar begann die Staatskunst der Versöhnung. Er selber heirathete eine Rajput-Prinzessin und gab eine andere seinem Sohn Jehangir zur Frau: machte seinen Schwager, den Sohn des Jaipur Rajah, zum Verwalter des Punjab, einen andern Rajah zum Verwalter von Bengal. Sein Finanzminister war gleichfalls ein Hindu, der die erste Landvermessung in Indien durchführte. Von 415 Reitergeneralen waren 51 Hindu. Die jaziah oder Kopfsteuer der Nicht-Muselmänner wurde aufgehoben, und staatliche Gleichberechtigung aller Unterthanen festgestellt. Er achtete die Hindu-Religion, bekämpfte aber grausame Gebräuche. Die Verbrennung der Wittwen konnte er zwar nicht beseitigen; aber er verlangte, dass sie nicht erzwungen werden dürfe. Den Sitz der Regierung verlegte er nach Agra und baute 1566 die Festung, deren zinnengekrönte Mauern aus rothem Sandstein noch heute majestätisch emporragen, ein bleibendes Denkmal dieses wahrhaft grossen Fürsten. 1605 starb er und wurde in dem Mausoleum zu Sikandra begraben, dessen aus Hindu-Umriss und arabisch-persischer Verzierung zusammengesetzter Stil die Duldsamkeit des Gründers der Grossmogul-Herrschaft bezeugt.

Freitags pflegte er Muselmänner, Brahmanen, Parsi, Juden und Christen (Jesuiten) um sich zu versammeln und ihren Erörterungen zu lauschen. Er theilte das Land in Provinzen, ordnete das Militärwesen, Gericht und Verwaltung, sowie die Steuern. Das Land wurde vermessen, die Ertragsfähigkeit ermittelt, ein Drittel des Ertrags für die Regierung bestimmt und der Geldwerth desselben festgestellt. Von seinen elf Provinzen (ausser Kabul, Kandesh und Sindh) bezog er jährlich £ 12½ Millionen, während die Engländer 1883 nahezu Rx 11¾ Millionen nahmen.[508] Akbar’s Gesammt-Einnahme wird auf jährlich £ 42 Millionen geschätzt. (Sein Urenkel Aurangzeb hatte 1695 £ 43 Millionen an Grundsteuern und £ 90 Millionen Gesammt-Einnahmen. Aus diesen Zahlen, mit denen bis dahin in Europa nichts verglichen werden konnte,[509] begreifen wir den sprichwörtlichen Reichthum der Grossmogul.)

Akbar’s Sohn regierte von 1605 bis 1627 unter dem Namen Jehangir,[510] d. h. der Eroberer der Welt. Doch gelang es ihm nicht, die Herrschaft im Dekkan weiter auszubreiten. Die Nächte soll er oft in Trunkenheit zugebracht haben; aber bei Tage suchte er weise zu regieren. Eine Kette hing aussen nieder von der Festung zu Agra und leitete hin zu goldenen Glocken in seinem Zimmer; jeder Bittsteller konnte ohne Dazwischenkunft der Höflinge unmittelbar an den Kaiser sich wenden. Europäische Abenteurer kamen an seinen Hof, er schützte ihre Kunst und Religion. Die Hauptperson in seiner Regierung war die Kaiserin Núr Jahán, d. h. das Licht der Welt.[511] Geboren in grosser Dürftigkeit, aber aus edler persischer Familie, gewann sie durch ihre Schönheit die Liebe des noch jungen Prinzen; aber Kaiser Akbar gab sie schleunig einem tapferen Soldaten zur Frau. Als Jehangir zum Throne gelangte, befahl er die Scheidung. Der Gatte weigerte sich und wurde getödtet, die Frau in den Palast gebracht. Hier lebte sie eine Zeit lang in strenger Wittwentrauer, aber danach tauchte sie als Kaiserin Nur-Jahan auf. Anfangs beeinflusste sie ihren Gatten zum Guten, aber später begünstigte sie zu sehr ihre eigenen Verwandten. Schliesslich veranlasste sie Aufruhr. General Mahábat Khan nahm 1626 den Kaiser und die Kaiserin gefangen; 1627 starb Jehangir in der Gefangenschaft.

Sein aufrührerischer Sohn Schah Jahan, der nach dem Dekkan geflohen war, bestieg 1628 den Thron; zwang die Kaiserin, der er ein reiches Jahrgeld gewährte, in’s Privatleben sich zurückzuziehen; beseitigte nach morgenländischer Art alle Thronbewerber, regierte dann aber weise und gerecht, tadellos in seinem Privatleben und so sparsam, als sein glänzender Hof, die Prachtbauten und die Heereszüge in entfernte Landschaften es zuliessen.

Afghanistan ging verloren, aber im Dekkan wurden von den fünf mohammedanischen Reichen drei (Ahmadnagar mit Ellichpur und Bidar) erobert, die beiden anderen (Bijapur und Golkonda) zum Tribut gezwungen. Die Kriege wurden meist von seinen Söhnen durchgefochten, er selbst lebte glänzend im Norden von Indien. In Agra erbaute er Taj-Mahal,[512] das Mausoleum für sein geliebtes Weib, die bei der achten Entbindung gestorben war, und für sich selber, — das schönste Gebäude Asiens. Ferner die Perl-Moschee (Moti Masjid), nach Hunter’s Ansicht das lieblichste Gebet-Haus auf der Erdoberfläche. Er plante, den Sitz der Regierung nach Delhi zurückzuverlegen und erbaute dort die unvergleichliche Grosse Moschee (Jumma Masjid) und den festen Palast.

Aber 1658 wurde der unglückliche, alte Schah Jahan von seinem Sohn Aurangzeb[513] abgesetzt und danach sieben Jahre lang, bis zu seinem Tode, in dem Palast der Festung Agra gefangen gehalten. Unter Schah Jahan erlangte das Mogulreich seine grösste Kraft und Blüthe, während sein Sohn weitere Eroberungen machte, aber gleichzeitig den Verfall einleitete. Shah Jahan’s Grundsteuer brachte 20 Millionen £. Die Pracht seines Hofes erregte die staunende Bewunderung der Reisenden aus Europa, sein Pfauenthron wurde von dem Juwelier Tavernier auf 6½ Millionen £ bewerthet.

Aurangzeb erklärte sich 1658 zum Kaiser mit dem Titel Alamgír, Eroberer des Universum, und regierte als strenggläubigster Muselmann bis 1707. Er begann damit, von seinen drei Brüdern zwei zu tödten, den dritten zu vertreiben; darauf setzte er den Krieg im Dekkan fort. Ein viertel Jahrhundert (1658–1673) fochten seine Generale vergebens; 1676 machte sich ein Maráthá-Fürst, Sivaji, in den süd-indischen Provinzen selbständig, 1680 floh des Kaisers aufrührerischer Sohn Akbar zu den Marathen. Da zog 1683 Aurangzeb persönlich nach dem Dekkan und blieb 24 Jahre im Felde. 1688 eroberte er Bijapur und Golkonda; doch die Marathen konnte er wohl schlagen, aber nicht unterwerfen. 1707 starb er in Ahmadnagar im Dekkan; sein Grabmal ist nicht weit von Ellora, zu Roza, dem Kerbela der Dekkan-Mohammedaner. Seine (in persischer Sprache geschriebenen) Briefe an seinen Sohn sind noch heute ein beliebtes Erbauungsbuch in Indien. Aber die Hindu hatte er durch seinen strenggläubigen Eifer und die Kopfsteuer entfremdet.

Die nächsten sechs Kaiser waren nur Puppen in der Hand der Generale. Die eigenen Beamten, die Hindu, die fremden Eindringlinge arbeiteten gemeinsam zur Zerstörung des Reiches.

Der Nizam-ul-Mulk, d. h. Statthalter des Dekkan machte sich selbständig (1720–1748), ebenso der von Oudh (1732 bis 1743).