Selbstverständlich begann ich des Morgens früh mit der Taj.[516] Denn nach allem, was ich über diese gelesen und hört, war meine Neugier auf das höchste gespannt.
Taj (persisch) heisst Krone; Taj Mahal Kron-Palast; Taj bibi ke Roza, (wie der eigentliche Name lautet,) der Kron-Dame Grabdenkmal.
Im Jahre 1630 begann Shah Jahan den Wunderbau als Grabdenkmal für seine Lieblingsgattin Arjmand Banu, mit dem Beinamen Mumtaz Mahal, d. h. die Erwählte des Palastes. Sie war die Tochter von Asaf Khan, Enkelin des Persers Mirzha Ghiyas, der von Teheran nach Indien gewandert, um sein Glück zu machen, und wirklich, nachdem seine Tochter Nur Jahan zur Gattin des Kaisers Jehangir erhoben worden, bis zum hohen Bange des Schatzmeisters (Itimadu’ d-daulah[517]) emporstieg.
Mumtaz Mahal wurde 1615 Gattin des Kaisers Shah Jahan, gebar ihm sieben Kinder und starb bei der Geburt des achten 1629 zu Burhanpur im Dekkan. Ihr Körper wurde nach Agra gebracht und zunächst in dem Garten beigesetzt, wo jetzt die Taj steht. Siebzehn Jahre dauerte der Bau, der 20000 Bauhandwerker beschäftigte und 18, nach andern 31 Millionen Rupien gekostet, obwohl ein grosser Theil des Materials und der Arbeit unbezahlt blieb. Denn nach Schah Jahan’s eignen Aufzeichnungen erhielten die Maurer nur 30 Lakh.[518] Ganze Kameel-Ladungen werthvoller Steine wurden für die eingelegte Arbeit herbeigeschleppt. Die kostbaren Steine für die Blumenranken wurden vielfach als Tribut von verschiedenen Rajah und Nabob „freiwillig und auf andere Art“ bezogen. Zwei Silber-Thüren schmückten den Eingang des Gebäudes, sind aber später von den Marathen fortgenommen und eingeschmolzen worden.
Der eigentliche Baumeister der Taj ist unbekannt. Nach einer Sage soll Kaiser Jahan selbst den Plan entworfen, Austin von Bordeaux, der damals in seinen Diensten stand, die Ausschmückung geleitet haben. Aber eine persische Handschrift, welche als Quelle über die Baugeschichte dient, nennt Isa Muhammed als Obermeister mit einem Monatsgehalt von 1000 Rupien, einen Farbenkünstler Amarnund Khan aus Schiras, einen Meister der Maurer Mohammed Hanif aus Bagdad, mit demselben Gehalt, Werkleute von Delhi, Pundjab, Persien, der Türkei, keinen Europäer.
Die Taj steht hart am rechten Ufer des Jumna-Flusses, 2 Kilometer östlich vom Fort. Ein guter Weg, der während der Hungersnoth von 1838 angelegt worden, führt dorthin; der Wagen hält vor dem grossen Thor des Gartens. Dasselbe ist 110 Fuss breit, 140 Fuss hoch, aus rothem Sandstein erbaut und für sich schon ein bedeutendes Kunstwerk. Ein mächtiger, 80 Fuss hoher Spitzbogen, in das grosse Rechteck der Vorderfläche eingeschnitten; darüber blumige Verzierungen, in weissen Marmor eingelegt; an den beiden seitlichen und der oberen Kante der Vorderfläche breite, eingelegte Marmorstreifen mit den prachtvollen arabischen Buchstaben, welche dem Gläubigen die Lehren des Koran predigen; eine Krönung von zwölf kleinen Kuppeln aus blendend weissem Marmor, die auf Säulchen ruhen; zu jeder Seite schlanke Thürmchen mit bunt abwechselnden geometrischen Verzierungen: das ist der Zugang zu dem grossen, durchaus regelmässig und gefällig gebauten, viereckigen Thorgebäude, das im Innern zweistöckig gestaltet und mit drei Spitzbogen-Durchgängen versehen ist. Langsam tritt der Besucher hindurch in den Garten. Drinnen aber macht er Halt und setzt sich auf eine der Bänke, welche zu ruhiger Betrachtung einladen.
Vor sich sieht er, inmitten eines prachtvollen Frucht- und Blumengartens (mit Palmen, Banyan, Schlinggewächsen, Bambus), einen langen Gang von Cypressen zu beiden Seiten eines schmalen, wohl 1000 Fuss langen, mit Marmor-Grund und -Fassung sowie mit zahlreichen Springbrunnen geschmückten Teiches, der die ganze Umgebung, Garten und Gebäude, getreulich wiederspiegelt; und am Ende desselben, auf mässiger Erhöhung, den weissen Marmorbau, so zart und frisch, als ob jetzt eben Schah Jahan herbeikäme, eine Rose[519] auf das Grab seines geliebten Weibes niederzulegen.
Das achteckige, blendend weisse Marmorgebäude mit der grossen Kuppel und zwei kleineren, die vier schlanken Minarets an den Ecken der Erhöhung, die ganze wunderbare Umrisslinie, alles tritt klar hervor, nur von den Seiten ein wenig durch das gesättigte Grün der Bäume verdeckt, während aus dem tieferen Dickicht rechts wie links die vorgeschobene Moschee aus rothem Sandstein ihre drei Kuppeln erhebt. Es ist das edelste und wirksamste Grabdenkmal, das je geschaffen worden. Und dies war beabsichtigt. Schah Jahan wollte ausdrücklich mit diesem Bauwerke alle anderen auf der Erde soweit übertreffen, wie seine Mumtaz alle Töchter der Erde übertroffen habe.
Kein Mensch stört mein Schauen. Die wenigen Eingeborenen, welche zur Pflege des Gartens oder auch zur andachtsvollen Betrachtung kommen, gehen mit asiatischer Geräuschlosigkeit vorüber. Langsam nähere ich mich dem Gebäude. In der Mitte des Gartens ist um den Teich eine viereckige Erhöhung aus Marmor erbaut und gleichfalls mit Bänken besetzt; hier macht der Beschauer wiederum Halt. Jetzt steht der ganze Wunderbau vor seinem Auge. Nicht bloss die Griechen verstanden zu bauen! Dazu kommt, dass bei der Betrachtung des Parthenon[520] durch die Trauer über das zerstörte die Bewunderung des gebliebenen getrübt wird; hier aber ist Alles frisch und neu,[521] der Marmor so blendend weiss in dem strahlenden Morgenlicht, als wären die Arbeiter gestern erst fortgegangen. Eine quadratische Erhebung von 18 Fuss Höhe und 313 Fuss Seitenlänge steht vor uns, die weissen Marmorflächen mit fensterähnlichen, spitzbogigen Vertiefungen geschmückt, von denen die meisten blind, drei mittlere mit Marmorgitterwerk ausgefüllt sind und zwei (je eine zur Seite der letztgenannten) die Aufgangsthüren darstellen. An jeder der vier Ecken der grossen Fläche erhebt sich in drei Stockwerken ein schlanker Marmor-Minaret. Er wirkt nur durch seine gefälligen Abmessungen, den regelmässig abwechselnden Fugenschnitt, seine drei Brüstungen und die durchbrochene Kuppel, die ihn krönt; sonst entbehrt er aller Verzierungen.[522]